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Friedrich Merz Rhetorischer Knaller der Union

Britische Politikerinnen oder deutsche Kandidaten: über Politikertypen und eine Frau, die ihnen vorführt, was Haltung bedeutet. Die Kolumne.

Union
Friedrich Merz. Foto: dpa

Natürlich bin ich sauer auf Theresa May. Mein Gott! Die Kolumne war schon fertig, ich hatte sie längst geschrieben, denn es war ja klar, wie es ausgegangen wäre, wenn das britische Unterhaus über das Brexit-Abkommen abgestimmt hätte: kein Deal.

Die Kolumne sollte „Das Desaster“ heißen und hatte zwei Schwerpunkte: erstens eine Liebeserklärung an die englischen Besatzungstruppen in Niedersachsen, wo ich aufgewachsen bin. Zweitens eine wütende Attacke auf den Teil der europäischen Eliten, der sich lieber an alte Privilegien klammert und den Rest der EU in den Abgrund reißt, als ein Stück vom Kuchen abzugeben.

Hätte, wäre, wenn.

Auf der anderen Seite ist Theresa May schon eine Nummer, muss ich zugeben. Sie wächst jeden Tag in meiner Achtung. In einem zerrissenen Land, in dem die Linke so zerstritten ist wie die Rechte sich nicht leiden kann, in so einem Land eines der riskantesten politischen Manöver der Nachkriegszeit exekutieren zu wollen, hat schon Respekt verdient. Die Nieten, die dem Land die Suppe eingebrockt haben, sind längst in Deckung gegangen und trauen sich erst wieder hervor, wenn sich der Sturm gelegt hat. Boris Johnson und David Cameron sind Prototypen eines neuen europäischen Politikertyps: große Sprüche klopfen, aber weglaufen, wenn es ernst wird.

Merz, der rhetorische Knaller der Union

So muss man auch die Rede von Friedrich Merz auf dem CDU-Parteitag in Hamburg sehen. Merz war uns ja angekündigt als der rhetorische Knaller der Union, der Obama des Mittelstands. Aber als er mit seiner Bewerbungsrede begann, schien es so, als liefe bei ihm ein zweiter Film im Hintergrund mit: Will ich mir wirklich die Nächte mit der EU-Kommission um die Ohren schlagen? Will ich wirklich auf endlosen und zähen G20-Treffen mit Donald Trump und Wladimir Putin verhandeln? Soll mein Bild wirklich in irgendwelchen suboptimalen Ländern zuerst mit einem Hakenkreuz versehen und dann verbrannt werden? Es schien, als würde über seinem Kopf die Antwort aufleuchten. Sie hieß: Nein. Bevor sich Merz von dem Schreck erholt hatte, war seine Zeit vorbei.

Was Haltung ist, kann man auf der Webseite der BBC sehen. Dort gibt es ein Video von der Unterhausdebatte am Montag, bei der Theresa May den Abgeordneten die Fakten um die Ohren haut: Es gibt eine Grenze zwischen Nordirland und der EU, und wenn die Grenze schließt, wird es wieder Unruhen geben, also brauchen wir eine Lösung. Ein Zugang zum EU-Binnenmarkt ist nur möglich bei gleichzeitiger Freizügigkeit, es gibt das eine nicht ohne das andere. Kurz: Es existiert eine Welt da draußen, jenseits der Grenzen und jenseits der Träume, und wer diese Welt ignoriert, wird von der Welt zu den Akten gelegt, früher oder später. Manchmal geht es nicht ohne schwere Unfälle ab.

Nun noch mein Lob der britischen Besatzung. Auf der Radiostation BFBS habe ich Musik gehört, die nirgends gelaufen ist, und in der nahen Kreisstadt haben die britischen Soldaten kräftig auf den Putz gehauen. Es gab herrliche Kneipenschlägereien und danach wurde noch viel herrlicher gesungen.

Wenn gar nichts mehr ging und die Soldaten pleite waren, stülpten sie gerne die seitlichen Hosentaschen nach außen und enthüllten dazwischen ihre Männlichkeit. Das Schauspiel hieß: der weiße Elefant. Danach kam die Polizei.

Volker Heise ist Filmemacher.

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