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Fremdenfeindlichkeit Von der Enge im Kopf

Da hat doch glatt auf Sylt ein schwarzer Mann die Wurst drapiert. Oma hätte das nicht gestört, aber für eine Frau aus Brandenburg ist das eine Erwähnung in einem Bewertungsportal wert. Die Kolumne.

Eine Frau aus Brandenburg muss sich an "farbige Servicemitarbeiter" auf Sylt erst noch gewöhnen. Foto: imago/Westend61

Eigentlich interessiert es mich ja nicht die Bohne, was andere Leute im Urlaub so treiben und was sie darüber zu berichten haben. Waren mir früher schon Einladungen zu Diaabenden ebenso gräulich wie zum Fondue oder zu Gesellschaftsspielen, so werden diese Quälereien seit einiger Zeit noch getoppt durch das unerbetene Vorweisen gefühlter Milliarden Ablichtungen in smarten Telefonen. Es soll ja sogar Usus sein, anderer Leute Facebücher mit Fotos von Sonnenuntergängen, Souflakis oder Socken auf der Leine vor malerischer Bucht vollzukleistern. Ich bleibe hiervon verschont, da ich mich dem Instrumentarium Facebook verweigere. Also, wie gesagt, eigentlich sind mir anderer Leute Ferien schnuppe. Eigentlich.

Anders verhält sich das, wenn ich beruflich bin. Als Chronist für Blätter und Bühnen hat mich grundsätzlich alles zu interessieren. Dann gucke ich überall hin, vornehmlich dort, wo es wehtut. Also zum Beispiel auf die Homepage von Erika Steinbach, in die „Deutsche Nationalzeitung“, ins Privatfernsehen, in Schnellrestaurants oder in die diversen Foren, wo Leute sich anmaßen, ihren Hausarzt zu bewerten, ihren Anwalt, eine Autowerkstatt, ein Restaurant oder ein Hotel.

Dass ich mit anschließenden Besuchen der am schlechtesten eingestuften Lokale und Herbergen die besten Erfahrungen gemacht habe, sei hier nur am Rande erwähnt. Jedenfalls stöberte ich unlängst wieder ebensowo und las (unkorrigiert zitiert): „Wir für 3 Tage im Hotel abgestiegen und waren zufrieden. Das Personal war entsprechend freundlich und zuvorkommend. Das ein farbiger Servicemitarbeiter die Wurst aufschnitt und danach trapierte....... gewöhnungbedürftig.“ Das schrieb im Juni eine „35-49jährige“ Frau aus einem Städtchen in Brandenburg über ihren Aufenthalt in einem Fünf-Sterne-Hotel auf Sylt.

Die gruselige Entdeckung

Ich war platt. So platt, dass noch nicht mal – wie sonst üblich – reflexartig die Schlagwörter „Rassismus“, „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Nazibraut“ in mir hochploppten. Ich war einfach nur baff. Und dann verspürte ich tatsächlich so etwas wie Mitleid. Wo lebt diese Frau? Ja, in Brandenburg, aber wo lebt sie im Kopf? Und wie eng mag es dort sein? In welchem Deutschland befindet sie sich? Wie sieht sie sonst so die Welt um sich herum? Tut das weh, was sie hat?

Meine Oma erzählte öfter davon, wie sie zum ersten Mal einen „Neger“ gesehen hatte. Das war nach dem Ersten Weltkrieg, als die Franzosen in der Pfalz einmarschierten. Sie sah den Schwarzen, bekam es kurz mit der Angst zu tun, aber dann war alles gut. Zumal der Mann das Mädel freundlich angelächelt hatte.

Aber, liebe Frau aus Brandenburg, das ist nun 103 Jahre her! Sollte Ihnen meine im Jahre 1901 geborene Großmutter so weit voraus gewesen sein? Gnä’ Frau, unser Land hat sich verändert! Sollte das in Brandenburg noch nicht angekommen sein? Ich war schon mehrmals in Brandenburg. Nun versuchte ich mich zu erinnern, ob ich dort Schwarze gesehen habe. Klappt natürlich nicht. Ich könnte genauso versuchen, mich an Rothaarige zu erinnern, an Dickbäuchige oder an Sommersprossige. Fallen mir Schwarze nur nicht auf, weil ich in Frankfurt wohne? Das wäre doch viel zu einfach! Ich bin immer noch sprachlos.

Noch sechs Tage nach dieser gruseligen Entdeckung.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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