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Fremdenfeindlichkeit Unsere lieben brutalen Täter

Wer ist dieses Volk? Das Verstörende an ihm ist sein Mix aus brutal und bieder. Der Hass ist aus dem Unterholz gekommen. Die Kolumne.

Fremdenfeindlichkeit vor malerischer Kulisse in Dresden. Foto: dpa

Wenn ich jetzt ständig lese und höre, dass man die immer lauter lärmenden Fremdenfeinde mit ihren Sorgen und Nöten endlich ernst nehmen und verstehen und keinesfalls verteufeln sollte, muss ich oft an eine Reise vor zehn Jahren denken. Es verschlug mich da in die hintersten Winkel Sachsens. Ich hielt mein Mikrofon überall hin. Ich wollte verstehen. Meist war dann nur Stille auf dem Band.

Die meisten hielten den Mund. Aus klammheimlicher Sympathie. Aus Gleichgültigkeit. Aus Angst. Nur wenige machten ihn auf. Eine junge Studentin etwa, die, weil sie jede Nacht von „Sieg Heil“-Rufen geweckt wurde, beschloss: Es reicht. Ein wackerer Oberstaatsanwalt, der von seiner Dresdner Dachkammer aus mehr als 50 rechtsextremistische Kameradschaften zählte. Die Täter, berichtete er, „sind meistens junge Männer aus ganz normalem, durchschnittlichem Elternhaus“.

Unpraktisch war, dass man nicht mehr alle Schläger gleich erkennen konnte. Manche hatten sich die Haare schon wieder wachsen lassen, die Springerstiefel ausgezogen, das Hakenkreuz am Hals unter einem Rollkragen versteckt. Sie marschierten bereits in die Mitte der Gesellschaft. Dachte ich damals. Bis mir klar wurde: Die hatten ihre Mitte nie verlassen.

Das eigentlich Verstörende war diese Mischung aus Brutalität und Biederkeit – vor bezaubernder Kulisse. In der sächsischen Schweiz etwa, wo man hinter jedem Felsvorsprung Caspar David Friedrich vermutet, beim Malen. Ein bisschen zu romantisch für meinen Geschmack. Weil ich inzwischen glaube, dass Faschismus ohne Romantik und Gemütlichkeit nicht möglich ist.

Die Jungs tun doch nichts

Ich kam in Dörfer, deren schweigende Mehrheit sich schon damals notorisch missverstanden fühlte. Wiewohl der Kampfruf „Lügenpresse“ noch nicht erfunden war. Sie zeigte sich diffus zornig, geübt im Wegschauen und Verharmlosen. „Unsere Jungs, die tun doch nichts“, meinten die Mütter, Väter, Onkel, Tanten – wenn sie mal den Mund aufmachten. Sie wirkten wie Leute, die ihren hechelnden Kampfhund tätscheln, von der Leine lassen und – während er losstürmt – rufen: „Der will doch nur spielen!“

Niemand sah sich hier als Extremist. Die Jungs – auch ein paar Mädchen – paradierten gern durchs Unterholz. Tanzten zu Nazi-Songs. Das galt als total normal. Nachts setzten sie, mit Schlagring und Streichholz, in die Tat um, was daheim am Abendbrottisch so geredet wurde. Eine Pastorin sprach den schönen Satz: „Das sieht natürlich nur, wer es sehen will.“ Wollte keiner. Wenn es allzu blutig wurde, war halt der Alkohol schuld.

Nie war das Böse banaler. In den Städten brüllte die NPD, untermalt von Wagners Walkürenritt, gegen die „Verausländerung“ und alle „Lügner und Versager“ an, forderte „Grenzen dicht für Fremdarbeiter“. Bei der Sachsen-Wahl 2004 fuhr die Partei 9,2 Prozent ein. Erst 2014 flog sie mit 4,9 Prozent knapp aus dem Landtag. Dafür kam die AfD auf fast zehn Prozent – 159 611 Stimmen.

Die Wortwahl hat sich inzwischen leicht verschoben. Die Botschaft ist geblieben. Und lauter geworden. Der Hass ist aus dem Unterholz gekommen. Pegida führt ihn jeden Montag auf den Hauptstraßen Gassi. Ab und zu brennt es.

Was gibt es da noch groß zu verstehen?

Tom Schimmeck ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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