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Frauenliteratur Kraftvolles und Altmodisches

Hat die Gleichberechtigung in den vergangenen 40 Jahren wirklich so viel verändert? Wer Bücher von früher liest, der zweifelt daran. Die Kolumne.

Im Internat der EOS Clara Zetkin in Eisenhüttenstadt kursierte unter den Mädchen eine Ausgabe der Zeitschrift „Mädchen“, die die Oma meiner Klassenkameradin Cynthia aus Westberlin geschmuggelt hatte. Noch begehrter als die „Mädchen“ war bei uns allerdings ein zerlesenes Exemplar von „Guten Morgen, du Schöne“ der Schriftstellerin Maxie Wander. Darin erzählen neunzehn Frauen zwischen 16 und 92 Jahren von sich, über ihre Sehnsüchte und Enttäuschungen.

Ich verschlang die Protokolle. Manchmal genierte ich mich fast beim Lesen, so intim, so radikal subjektiv berichteten die Frauen. Das war härter als vieles, was in „Mädchen“ stand. Das Internet, das muss man dazu sagen, gab es damals noch nicht.

Die Frauen sprachen über ihre Kämpfe am Arbeitsplatz, zu Hause, mit sich selbst. Sie redeten über Männer, die sie geliebt, über Männer und Frauen, die sie begehrt hatten. Sie sagten so unerhörte Sätze wie diesen: „Ich habe noch keinen Mann gekannt, der dahinter kommen wollte, wie ich wirklich bin und warum ich so bin.“

Eine junge Frau, die kaum älter war als ich, sagte: „Die Ehe empfinde ich als Versicherungsinstitut, als Pension oder als Friedhof, je nachdem. Ich fühle mich zufriedener, wenn ich weiß, ich bin allein und muss stark sein.“ Ich fühlte mich ertappt beim Lesen, denn so dachte ich damals auch.

Ich war fünfzehn oder sechzehn und ich begriff nicht alles, aber ich verstand, dass das Erwachsenenleben womöglich komplizierter war als gedacht. Das Buch ist am 21. November 1977 erschienen, kurz vor Maxie Wanders Tod. Ich habe es neulich wiedergelesen und war erstaunt, wie aktuell es sich liest – vierzig Jahre später.

Es wird oft behauptet, dass Frauen in der DDR nicht darüber geklagt hätten, wie schwer es war, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Sie könne das Jammern der ewig überlasteten Mütter heutzutage nicht nachvollziehen, schrieb mir eine Leserin. „Wir haben früher doch auch alles unter einen Hut bekommen“, meinte sie.

Die Protokolle zeigen, dass auch die DDR-Frauen einen Preis zahlten. „Sie zahlen für ihre Unabhängigkeit mit einem schwer erträglichen Schmerz, oft mit Alleinsein, immer mit zusätzlicher Arbeitslast, meist mit schlechtem Gewissen gegenüber Mann, Kindern, Haushalt, Beruf, dem Staat als Über-Mann“, schreibt Christa Wolf im Vorwort der aktuellen Suhrkamp-Ausgabe von „Guten Morgen, du Schöne“.

Manche Frauen, die in dem Buch zu Wort kommen, könnten auch Zeitgenossinnen sein. Zum Beispiel Rosi, 32 Jahre, Sekretärin: Sie habe im Fernsehen gehört, welche Eigenschaften Wissenschaftler bei Frauen für typisch halten: Passivität, Konformismus, Ängstlichkeit, Nervosität, Gehorsam, Narzissmus. „Ich bin also ein Mann, dem ein Stückchen Schwanz fehlt“, sagt sie lakonisch. Man fragt sich, was aus Rosi, inzwischen 72, geworden ist. Und was würde sie wohl zur aktuellen Sexismuskampagne sagen?

Heute ist die Haltung weitverbreitet, es gebe einen Anspruch auf Glück, ein Vorrecht darauf, von Krankheit, Scheitern oder Fehlern bewahrt zu werden. Wenn man sich nur genug anstrengt. Diese Denkweise gibt es in „Guten Morgen, du Schöne“ nicht. Die Frauen stehen zu ihren Fehlern, zu ihrem Versagen, sie stehen wieder auf und suchen weiter. Das hat etwas sehr Kraftvolles – und auf gute Weise Altmodisches.

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