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Flugverkehr Der Irrsinn mit der Fliegerei

Nur weil einige wenige nach Mallorca oder sonst wohin wollen, müssen Millionen unter Lärm und Schmutz leiden. Die Kolumne.

Ryanair-Flieger auf dem Frankfurter Flughafen
Fliegen boomt - Billigflieger wie Ryanair profitieren von der ungebremsten Reiselust. Foto: EPA

Eigentlich kennt man das ja. Sobald sich der Mensch hilflos fühlt, neigt er zur Unvernunft. Ein Beispiel dafür sind Religionen. Da hält man sich für wichtig und unverzichtbar – und bemerkt dann seine Vergänglichkeit. Nach einer gewissen Zeit fällt man um, liegt herum und wird von allerlei Gewürm zu Dünger verarbeitet. Das ist der Plan der Natur für jedes Lebewesen. Der Mensch hingegen wollte dies mit zunehmendem Wuchs seines Gehirns nicht mehr hinnehmen. Also schuf er sich einen Gott, der für ein Leben nach dem Tod sorgt und ersann im Zuge dieses Gespinsts noch weitere Unsinnigkeiten wie Glaubenskriege, Hexenverbrennung, Zölibat und Tanzverbot. Aus purer Selbstliebe geriet er außer Rand und Band.

Ein ähnliches Beispiel für das Scheitern an seiner Unzulänglichkeit ist die Fliegerei. Der Mensch kann gehen, laufen, hüpfen, springen, auch ein wenig schwimmen – doch er wird sich nie aus eigener Kraft in die Lüfte erheben können. Also ersann er so einiges Gerät, es den Vögeln gleichzutun – mit magerem Erfolg.

Ende des Schwachsinns nicht absehbar

Er geriet an die Grenzen seiner Möglichkeiten, und das wurmte ihn. So erklärte er auch die Fliegerei zum Götzen und frönt ihr immer gigantomanischer. Fluggeräte wurden schneller, größer und zahlreicher – somit immer unvernünftiger. Und ein Ende des Schwachsinns ist leider nicht absehbar.

Wer’s nicht glaubt, der werfe einen Blick auf flightradar24.com. Dort ist zu sehen, wie viele Flugzeuge gerade weltweit unterwegs sind. Tausende bunte Pünktchen und Fädchen, jedes Pünktchen ein Jet, jedes Fädchen seine Route. Es ist ein Schaltplan der Welt, ein Schnittmuster der Irrationalität. Die Pünktchen und Fädchen bündeln sich dort, wo der Wohlstand wohnt. Nordamerika, Europa, Teile Asiens. Die meisten Gegenden der Erde sind nicht bunt, also unbeflogen – und somit arm.

Dabei ist es doch ein ungeheurer physikalischer Aufwand, eine Handvoll Schnapsdrosseln zum Saufen nach Mallorca zu transportieren oder eine Horde Lustgreise zum Kinderbesabbern nach Thailand. Mit jedem Start werden Hunderte Tonnen Masse in die Lüfte bewegt – davon aber nur etwa drei Tonnen Mensch. Dennoch wird immer mehr geflogen, und immer mehr aus Jux und Tollerei. Denn durch die modernen Kommunikationstechniken werden Geschäftsreisen immer überflüssiger – auch wenn das Fliegen immer weniger kostet. Je mehr man darüber nachdenkt, umso paradoxer wird das Ganze. Damit einige spottbillig aus Spaß an der Freud‘ von A nach B jetten können, müssen Millionen unter Fluglärm leiden, von den Folgen für die Umwelt mal ganz abgesehen.

Der Irrsinn geht weiter. Noch immer ist Kerosin steuerfrei. Würde es behandelt wie Benzin, würden sich die Flugpreise verdoppeln und die Passagierzahlen halbieren, und somit auch die Folgen für Umwelt und Anwohner. Leiden würde allerdings die heilige Kuh „Wachstum“, allein schon der Gedanke daran verursacht bei Managern Angstschweiß. Es ist die nackte Furcht vor der Vernunft, also ist man stets bemüht, den Schwachsinn noch schwachsinniger zu machen. Man denke nur an die Peinlichkeit Flughafen Berlin oder die alberne Piste in Kassel. Falls das nicht reicht: Soeben wurde bekannt, dass in Frankfurt ein neues Terminal gebaut werden soll. Exklusiv für Billig-Airlines.

Michael Herl ist Autor und Filmemacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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