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Flüchtlingspolitik Woher der Wind weht

Viele Journalisten wirken eifrig mit an der aufgeregten Stimmung im Land. Und sägen an Kanzlerin Angela Merkels Stuhl. Die Kolumne.

Moderator Plasberg in der Sendung "Angezählt - wie viel Zeit bleibt Merkel noch?" Foto: screenshot

Eine Tatsache wird gerade von Journalisten gerne ignoriert: Dass kaum ein Bundesbürger Frau Merkel persönlich kennt. Die allermeisten Menschen wissen über die Kanzlerin nur, was Medien ihnen erzählen. Sind also den Betrachtungen und Bewertungen der Medienmacher ähnlich ausgeliefert sind wie anderen Moden. Ob etwa Petrol oder womöglich Senfgelb gerade „in“ ist, ob Mann Bart trägt oder wie lang Frau den Rock.

In Berlin-Mitte trägt man Merkel meist hoch. Politische Beweggründe hierfür sind selten zu erkennen. Öfter dürften Launen, Beziehungen und der berüchtigte Herdentrieb im Spiel sein. Auch Langeweile: Hoch war schon ewig, also ist mal tief dran. Weshalb jetzt merkwürdige Magazine mit Merkel-Titeln erscheinen, die bohrend fragen: „Ist sie noch zu retten?“ Oder: „Wie lange noch?“

Wenn Sie in den letzten Wochen Talkshows eingeschaltet haben, wird ihnen ein Grundton aufgefallen sein, der noch penetranter dauererregt daherkommt als üblich. „Schaffen wir das!?!“, ruft der Chor der üblichen Verdächtigen mit schreckstarrem Blick: „Ober-Grenzen-Dicht!“ Bei Plasberg bereite ich mich innerlich auf den Moment vor, da sein Hemd verrutscht und das Frauke-Petry-Tattoo sichtbar wird.

Ich hocke hier in sicherer Distanz: in einer Bar etwa 2000 Kilometer entfernt von Berlin. Deutsche Erregung flirrt über den Computerschirm. Mein Kopf ist dankbar für jeden einzelnen dieser Kilometer. Doch alle zusammen mindern nicht meine Fassungslosigkeit. Ich bin sehr gerne Journalist. Aber was viele Leute, die sich genauso nennen, aktuell darunter verstehen, finde ich, mit Verlaub, zum Kotzen.

Viele spüren, woher der Wind weht

Nein es ist keine Verschwörung. Ich glaube nicht, dass Büroleiter und Chefredakteure sich in einer geschlossenen Facebook-Gruppe „Alpha-Journalisten“ verabredeen: „Jetzt kippen wir Merkel!“ Es ist viel trauriger: Einige machen mächtig Wind. Viele spüren sehr schnell, woher er weht. Und tun plötzlich ungewöhnlich mutig.

Auf Radiosendern, die sonst der Information dienen, dürfen christsoziale Sirenen der Baureihe Seehofer gleichklingend Daueralarm geben. Julia Klöckners „Plan A2“ stieg in der Mediengunst zeitweilig zum zweitwichtigsten Text nach dem Evangelium auf. Gern nehmen die Nachrichten auch den Preußendarsteller de Maizière. Der Mann ist ein Phänomen: Je langsamer er spricht, desto beunruhigender wirkt er.

Neue Deutschdenker vom Schlage Strauß, Safranski und – schade! – auch Sloterdijk nehmen auf dem Oberdeck des Pegida-Dampfers Platz. Unten werden schon Waffen ausgegeben, zur Verteidigung der Grenzen. „Es formiert sich ein intellektuelles Freikorps“, gruselt es selbst die brave Wochenzeitung „Zeit“. Eines, das sich wenig um Europa und noch weniger um die Krisen der Welt schert.

Nachdem solche Bewortung und Beschallung einige Zeit breitengewirkt hat, strömen die Demoskopen aus. Kurz darauf melden die Nachrichtenagenturen – Überraschung! –, Merkels Beliebtheit stürze um zwölf Punkte, ihre Regierung verliere „dramatisch an Rückhalt“ und habe die Lage „nicht im Griff“ (81 Prozent). Der „Deutschlandtrend“ der ARD sieht die AfD bei 12 Prozent. Wäre ich weniger gemäßigt, würde ich sagen: Wie man ins Volk hineinrülpst, so furzt es heraus.

Tom Schimmeck ist Autor.

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