Lade Inhalte...

Flüchtlingspolitik Perspektivwechsel für politische Großmäuler

Was würde wohl geschehen, wenn sich Politiker wie Trump oder Seehofer einmal in die Lage von Geflüchteten versetzten? Wäre das eine bewusstseinserweiternde Erfahrung? Die Kolumne.

USA
Was wäre, wenn...Donald Trump das Elend am eigenen Leibe erführe? Foto: rtr

Mitunter packt mich eine etwas gemeine Fantasie. Dann stelle ich mir vor, wie Donald Trump, abgerissen wie ein gestrandeter Flüchtling, durch New Yorker Straßenschluchten irrt. Seine blonde Mähne ist so struppig, dass die Passanten ihn für einen Wirrkopf halten. Welche Art Absturz ihn in diese missliche Lage gebracht hat, steht nicht im Drehbuch. Vielleicht Machtverlust kombiniert mit Scheidung, dazu schlechte Freunde, die ihn abgezockt haben. Egal. Ich male mir nur aus, wie es wäre, wenn politische Großmäuler unversehens die Welt aus der Perspektive abgehängter Randexistenzen erleben müssten.

Die CSU schielt auf AfD-Wähler

Das ist in etwa so wahrscheinlich, wie von einem Meteoriten getroffen zu werden. Allenfalls schnuppert mal einer von ganz oben an der harten Wirklichkeit. So wie der jordanische König Abdullah, der sich einst unerkannt, mit angeklebtem Bart, unters Volk mischte. Die Palastsprecher posaunten anschließend die Heldentat Seiner Majestät, sich über die Sorgen und Nöte der Bürger zu informieren, in hellsten Tönen aus. Ganz im Dienste der königlichen Popularität. Sei es drum.

Es hätte schon was für sich, wenn Politiker aus eigener Anschauung die Lage jener kennen würden, über deren Schicksale sie hinwegentscheiden. Auch für einen Horst Seehofer wäre das womöglich eine bewusstseinserweiternde Erfahrung.

Nicht, dass ich unserem Innenminister wünsche, gleich eine Flüchtlingsodyssee durchmachen zu müssen, Gott behüte. Aber beim CSU-Schielen auf AfD-Wähler sind die Probleme der Geflüchteten aus dem Blick geraten. Angesichts der Debatte um Zuzug begrenzen, Schotten dichtmachen und Abschieben fühle sie sich wie viele ehrenamtliche Helfer im falschen Film, meinte dieser Tage eine Freundin, die seit dem Willkommensherbst 2015 eine Mutter und deren Kinder aus Eritrea betreut. Die bei ihrer Ankunft schwer traumatisierte Familie hat zwar Fuß gefasst, aber ein Bleiberecht wurde bislang verwehrt.

Aus der Hängepartie droht ebenso für S., einen geflüchteten Afghanen Anfang zwanzig, um den ich mich in Berlin kümmere, eine Zitterpartie zu werden. Noch läuft sein Beschwerdeverfahren gegen den ablehnenden Asylbescheid. Das rot-rot-grüne Berlin schiebt zum Glück nicht nach Afghanistan ab. Aber die Angst, was kommen mag, zermürbt. Neulich hat die Lehrerin beklagt, S. sei beim Deutschlernen nicht mehr so konzentriert wie zu Beginn. Wen wundert’s!

Dabei haben jene Geflüchteten, die im Wartesaal deutscher Ausländerbehörden ausharren, im Vergleich zu denen, die gerade auf einem abgetakelten, überfüllten Kahn im Mittelmeer umherirren, noch das große Los gezogen. Sie haben die Flucht überlebt, sich über diverse Grenzen ins gelobte (Deutsch)-Land durchgeschlagen, oft hochmotiviert zum Neuanfang. Nur dass viele dort, die Seehofer-Fans und Merkel-Verächter, um den heimischen Wohlstand fürchten. Nun, da die Konflikte und Krisen der globalisierten Welt hineingeschwappt sind.

Um sie nachhaltig einzudämmen, müsste der reiche, industrialisierte Norden mehr tun, als Entwicklungsmittel locker zu machen. Wir müssten aufhören, auf Kosten anderer zu leben, sprich auf Kosten armer Länder, aus denen wir unterbezahlte T-Shirts und alle möglichen Rohstoffe zu Ramschpreisen beziehen, aber deren Wirtschaftsflüchtlinge uns angeblich auf der Tasche liegen. Wie lautete doch gleich eine Lieblingsweisheit meiner Oma? Hochmut kommt vor dem Fall.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen