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Flüchtlinge Integration, schwergemacht

Innenminister Seehofer ist auf Abschottung fixiert und verhindert mit seiner Politik, dass Flüchtlinge hierzulande Fuß fassen können. Die Kolumne.

Horst Seehofer
Bundesinnenminister Horst Seehofer. Foto: Imago

Man ist ja über jeden Fortschritt froh, der sich als Erfolgsetappe in Merkels „Wir-schaffen-das“ verkaufen lässt. Sozusagen über alles, was der AfD Wind aus den vom rechten Zeitgeist aufgeblähten Segeln nimmt. Die Meldung der Bundesagentur für Arbeit, wonach inzwischen über 300 000 Geflüchtete einer Beschäftigung nachgehen und 28 000 Flüchtlinge in Lehrstellen vermittelt werden konnten, gehört dazu. Altenpflege und Handwerksbetriebe können davon profitieren und letztlich auch wir, die auf solche Dienstleistungen angewiesen sind.

Vorausgesetzt, unser auf Abschottung fixierter Innenminister kickt nicht wieder afghanische Arbeitskräfte raus, um sein Plansoll bei den erzwungenen Rückkehrer-Flügen nach Kabul zu erfüllen. So wie bei seinem „Geburtstagsflieger“, als ein beachtlicher Prozentsatz der 69 Abgeschobenen in Deutschland in Lohn und Brot stand, aber sich unversehens vor dem Nichts in ihrem Herkunftsland wiederfand.

Horst Seehofers Sabotageakt

Dieser Seehofer’sche Sabotageakt in einem ohnehin mit Stolpersteinen übersäten Integrationsprozess hat nachhaltig Angst und Schrecken verbreitet, vor allem unter den aus Afghanistan Geflohenen. Ohne Ausbildungsplatz drohe auch ihm womöglich die Ausweisung, meinte N. bedrückt neulich bei einem geselligen Abend im Berliner Flüchtlingsprojekt Diwan. „Finde was“, habe sein Anwalt geraten.

An Deutschkenntnissen mangelt es N. nicht, der ein Oberstufenzentrum besucht. Aber die Ungewissheit, ob er bleiben darf, in diesem Land, in dem die vor drei Jahren zelebrierte Willkommenskultur gekippt ist wie abgestandener Wein in Essig, zehrt an seinem Selbstwertgefühl. Ausgerechnet in einer Gemeinschaftsunterkunft in Marzahn gelandet zu sein, der Berliner Banlieue, macht N.s Lage nicht leichter.

Es ist ein stilles Drama, das sich in den Flüchtlingsheimen vollzieht. Nicht wenige der Untergebrachten greifen inzwischen zu Alkohol und anderen Rauschmitteln oder werden depressiv, weil sie die Hängepartie in sich hinziehenden Verfahren nicht aushalten. Im ersten Jahr ist die Motivation noch groß, eine neue Sprache zu lernen. Dann nimmt der Frust, zum Nichtstun verdammt zu sein, oft überhand. Es stimmt zwar, Integration ist kein kurzer Prozess, aber Perspektivlosigkeit macht ihn zunichte.

N., dieser aufgeweckte afghanische Junge, wird es hoffentlich trotzdem schaffen. So wie sein Freund A., frischgebackener Lernpfleger in einem Krankenhaus, der an besagtem Abend strahlte wie einer, der das große Los gezogen hat. Ein Musterbeispiel, was an positiver Energie freigesetzt wird, wenn bloß die Tür in eine unabhängige Zukunft aufgeht.

S. wiederum, ebenfalls um die zwanzig Jahre alt, ließ sich entschuldigen. Seit zwei Wochen fährt er als „Praktikant“ Pakete für Amazon aus, bis zu zwölf Stunden täglich. Als Lohn winkt – vielleicht – ein Arbeitsvertrag. Dafür tut S. alles, auch fast für umsonst schuften. Weil er den Arbeitsnachweis braucht, um an eine Wohnung zu kommen und die Eltern und jüngeren Geschwister aus dem Flüchtlingsheim zu holen. Diesem Ort, wo ihnen sechs Quadratmeter pro Kopf zustehen und der verzweifelte Vater immer mehr in der inneren Emigration versinkt.

Hinter den Erfolgsstatistiken verbergen sich mannigfaltige Flüchtlingsschicksale. Lassen wir uns, liebe Vermieter, Arbeitgeber und sonstige hilfsbereite Bürger, von ihnen bewegen. Integration kann nur durch konzertiertes Zutun gelingen.

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