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Fischfang Lebewesen gelten als Abfall

Meerestiere werden als Abfall ins Meer zurückgekippt. Dafür sorgen sogar Gesetze. Wer dem Falschen ins Netz geht, hat Pech gehabt. Die Kolumne.

Fischkutter
Umweltschützer pochen auf mehr Schonung beim Fischfang. Foto: Ingo Wagner (dpa)

Fisch ist gesund. Zumindest für die Menschen, die ihn verzehren. Und wir nehmen mal an, dass auch der Fisch selbst gesund war, bevor er – tot – auf dem Teller landete. Gar nicht gesund ist dagegen der Fisch, der zwar gefangen wurde, aber gleich wieder ins Meer zurückbefördert wird. Der ist eher schwer verletzt oder gar tot. Warum er nicht verwertet wird, ist ebenso einfach wie erschreckend zu erklären. Er ging dem falschen Fischer ins Netz und gehört damit zum Beifang.

Fischer hat keine Lizenz

Als Beifang gelten all die Meerestiere in den Massenfanggeräten (was für ein Wort!), für deren Fang der Fischer keine Lizenz hat – oder keine Verwendung. Sei es nun, weil es nicht die Arten sind, die er fangen darf, weil die gefangene Menge der genehmigten Zielart die Quote überschreitet, weil die Individuen zu klein sind, oder auch weil er diesen Teil seiner Beute nicht brauchen kann.

Der Beifang wird einfach über Bord gekippt. Es werden noch nicht einmal die Mengen erfasst. Seriöse Schätzungen kommen auf 38 Millionen Tonnen Beifang pro Jahr, das entspricht etwa 40 Prozent des weltweiten Fischfanges. Mal ganz abgesehen von den jährlich Hundertausenden von Kleinwalen, Robben, Meeresschildkröten und Seevögeln, die sich in den Netzen und Fangleinen verheddern und als Lungenatmer qualvoll ertrinken.

Die Beifang-Lebewesen werden wie Abfall behandelt. Passt nicht, taugt nichts, ab über Bord. Die allermeisten der unerwünschten Fische, Seesterne, Muscheln und anderen Arten, die eigentlich als Frutti di Mare auf dem Teller landen könnten, sterben beim Einholen der Netze.

Sie werden zerquetscht, ihre Schwimmblase platzt, oder sie ersticken. Der Tod ist vielfältig, der Rückwurf ins Meer eine Belastung des Ökosystems und untauglich, um Populationen zu erhalten.

Höchstwertiges tierisches Eiweiß wird entsorgt wegen Fischereigesetzen, die absurder kaum sein könnten. Manche Fischarten dürfen als Beifang nicht einmal angelandet werden, auch wenn sie bestens verwertet werden könnten.

Klappen für Delfine und Meeresschildkröten

Es gilt das in Europa weit verbreitete Beifangverbot. Also müssen sie, um die Gesetze einzuhalten, zurückgekippt werden. Angesichts dieser unglaublichen Verschwendung erscheint das Gejammer, landwirtschaftliche Flächen und Gentechnik müssten ausgeweitet werden, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, als blanker Zynismus. Die Fischereiindustrie verschleudert wertvolle Ressourcen.

Was einen allerdings wütend machen muss ist, dass Lösungen verfügbar wären. Dazu gehören selektive Fangmethoden mit „schlauen Netzen“, Klappen, durch die Delfine und Meeresschildkröten den Netzen entweichen können, andere Haken an den Leinen und natürlich vernünftige Regelungen. Es ist ein bisschen wie mit der Europäischen Agrarpolitik. Auch in der gemeinsamen Fischereipolitik überwiegen nationale Egoismen, rein profitorientierte Lobbyeinflüsse, mangelnder politischer Wille. Und Kontrollmöglichkeiten werden nicht genutzt.

Seit Jahren prangern Wissenschaftler und Naturschützer das – nennen wir es freundlich – defizitäre Fischereimanagement in der Europäischen Union an und fordern Verbesserungen. Nicht selten herrscht in Fischereibehörden die Meinung vor, dass Artenschutz bei Fischen nicht greife, denn die seien doch was zum Essen. Beifang ist nicht einmal das. Wenn Beifangopfer schreien könnten, müssten wir uns weltweit die Ohren zuhalten.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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