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Fall Mesut Özil Wegen der Geschichte

Der DFB hat, als es schlecht lief, der deutschen Meute einen Migranten als Opfer vorgeworfen. Und dabei vergessen, dass Özil schon mal von türkischen Fans ausgepfiffen wurde, weil er für Deutschland spielte. Die Kolumne.

Mesut Özil beim Training in Singapur
Mesut Özil beim Training in Singapur. Foto: dpa

Während der zweiten Halbzeit des WM-Endspiels saß ich im Bus und ließ mich vom Fahrer zum einzigen Bahnhof schaukeln, der sich weit und breit in der nordostdeutschen Landschaft verirrt hatte. Ich war der einzige Passagier, niemand stieg ein oder aus. Auf dem Smartphone des Fahrers lief das Finale, wir hörten dem Kommentator zu. Die Landschaft rauschte an uns vorbei: abgeerntete Weizenfelder, Mais bis zum Horizont, Windräder drehten sich träge vor blauem Himmel.

Gleich, sagte der Fahrer, kommen wir in das nächste Dorf, da gibt es keinen Empfang. Frankreich führte zu diesem Zeitpunkt 2:1, aber Kroatien hatte eine gute erste Halbzeit gespielt, es versprach spannend zu werden. Wir fuhren in das Dorf, das Smartphone wurde stumm, eine Kirche und ein kleiner Platz mit Bushaltestationen tauchten auf, Passagiere stiegen nicht zu. Als wir Dorf und Sendeloch verließen, führte Frankreich 4:1. Der Fahrer schimpfte, er war ein Fan von Kroatien und wollte nicht über die deutsche Mannschaft reden. Zu schmerzhaft, sagte er. Am Bahnhof verabschiedeten wir uns mit Handschlag.

In der Nähe des Bahnhofs hatte ein Flohmarkt seine Buden aufgeschlagen, der von Haushaltsauflösungen dominiert wurde. Bei einem Stand stieß ich auf einen Haufen Kleiderbügel aus Holz.

Einige trugen das aufgebrannte Zeichen eines lokalen Hotels aus den Dreißigerjahren, Standort in der Adolf-Hitler-Straße. Ich fragte, was die Bügel kosten sollen. Drei Euro, sagte die Verkäuferin, mit Hitler fünf Euro. Als ich sie fragend ansah, meinte sie: wegen der Geschichte.
Im Zug saß ich in einem ungarischen Speisewagen. Gulasch und Bier waren günstig, die Hälfte des Waggons betrunken. Männer schimpften auf Özil, den Türken, der die Deutschen verraten habe. Ich persönlich habe Özil nur einmal spielen sehen, im Olympiastadion, Deutschland gegen die Türkei, 2010. Er war eine Erscheinung: filigran, leichtfüßig, gewitzte Pässe schlagend. Das Gegenmodell zu den deutschen Nationalspielern, die ich bis dahin gewohnt war und die sich durch einen robusten Rumpelfußball ausgezeichnet hatten. Männer wie Lothar Matthäus, die immer einen Führer brauchen. Seine überlegene Eleganz würden sie Özil nie verzeihen, dachte ich, und sollte recht behalten.

Mir wäre auch lieber, wenn Özil sich nicht mit Erdogan getroffen hätte oder – wenn schon – ihm die Meinung gegeigt und die Freilassung aller politischen Gefangenen gefordert hätte. Aber erstens kann man von anderen Menschen keinen Heldenmut verlangen und zweitens hätte man ihn dann auch von der deutschen Mannschaft und dem DFB während der Wladimir-Putin-Spiele in Russland fordern müssen: auf den Trikots kein Mercedes-Stern, sondern das Zeichen von Amnesty International. Statt des Hashtags „zsmmn“ den Hashtag „peaceinukraine“.

Nun ist Özil kein Held, sondern eine deutsche Tragödie, und für den DFB hat es auch nicht zum Botschafter für Demokratie gereicht. Aber der Verband hat, als es schlecht zu laufen begann, der deutschen Meute einen Migranten als Opfer vorgeworfen, was zumindest funktionaler Rassismus ist. Und er hat jenen Abend im Olympiastadion vergessen, als Özil ein Tor schoss und er schon einmal ausgepfiffen wurde: von türkischen Fans, weil er für Deutschland spielte. Das ist die Geschichte.

Volker Heise ist Filmemacher

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