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Fahndung Braucht Justitia Bilder?

Soll mit Fotos öffentlich nach mutmaßlichen Tätern gefahndet werden? Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Das neue Jahr begann knorke für den Rechtsstaat, jedenfalls in Berlin. Am 2. Januar um 1.52 Uhr twitterte die Hauptstadtpolizei, sie fahnde nach vier unbekannten jungen Männern, wegen sexueller Belästigung und Körperverletzung. Fotos beiliegend. Noch vor dem Morgengrauen waren drei Gesuchte identifiziert. Am Abend wurde der vierte festgenommen. Glückwunsch.

Nein, nichts soll diesen Triumph verschatten. Nur der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass besagte Delikte sich bereits im vergangenen Juli ereignet hatten. Damals, schon weit nach Mitternacht, wollten jene Halbstarken auf dem U-Bahnhof Neukölln – hot town, summer in the city – noch etwas erleben. Dazu langte mindestens einer zwischen die Beine einer vor ihm laufenden Frau. Deren Ehemann reagierte verbal unaufgeschlossen. Die Vier traten nach ihm. Schließlich schlugen sie den Mann arztreif.

Dank der Überwachungskameras hatte die Polizei brauchbare Aufnahmen der mutmaßlichen Täter. Nach einem ergebnislosen Abgleich mit den üblichen Verdächtigen wurde das Bildmaterial ins, wie die Archivhengste sagen, System eingepflegt. Irgendwann übernahm dann wohl Kommissar Zufall die Ermittlungen. Und es war Sommer.

Laut Paragraf 131b der Strafprozessordnung dürfen bei Straftaten „von erheblicher Bedeutung“ Bilder von Verdächtigen dann veröffentlicht werden, wenn „die Feststellung der Identität eines unbekannten Täters auf andere Weise erheblich weniger Erfolg versprechend“ wäre. Was die Erheblichkeit anbelangt: Es war kein Kapitalverbrechen. Es wurde nicht mal zünftig gemessert.

Indes sind es genau solche Spontanmarodeure, die eine Stadt unsicher machen oder gefährlicher wirken lassen als sie vielleicht ist. Heißt es nicht immer, dass gerade für unausgereifte Delinquenten die Strafe der Tat auf dem Fuße folgen sollte? Diese Mitbürger hier bemerkten sechs Monate lang nicht mal, dass der Rechtsstaat ihr Tun überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. Das macht locker und könnte dazu anspornen, sich weiter so zu vergnügen. Es gab schon herbere Delikte, da dauerte es über ein Jahr. Wenn man nur lange genug auf ihren Ergebnissen kluckt, dann verhindert Videoüberwachung tatsächlich keine (weiteren) Straftaten (derselben Täter).

Einerseits will kaum jemand „Wanted-dead-or-alive“-Steckbrieforgien. Aber an das Gefühl, dass im Grunde alles ganz schnell gehen könnte, dürfte sich auch mancher Ermittler schlecht gewöhnen. Nachdem es 4246 Stunden und 17 Minuten lang „auf andere Weise“ mehr oder weniger versucht worden war, ordnete ein Richter oder Staatsanwalt die Öffentlichkeitsfahndung an. Vielleicht kommt die Justiz ja jetzt auch noch mit einem bislang zurückgehaltenen Handy-Video von der Ermordung des Kaisers Caligula um die Ecke.

Übrigens werden auch die um den Jahreswechsel aus den städtischen Gefängnissen Plötzensee und Tegel entwichenen Häftlinge nicht öffentlich gesucht: zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte und solange nicht das Scheitern anderer „Formen der Aufenthaltsermittlung“ hinreichend nachgewiesen werden kann.

Einige sind freiwillig zurückgekehrt, womöglich aus Mitleid. Aus dem Berliner Strafvollzug kann man ja – bei fortdauerndem Nichtgefallen – jederzeit wieder ausbrechen.

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