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Faceshaming Shame on You

Faceshaming dient manchem Mann als Ausweg aus der eigenen Unfähigkeit. Vor allem im Netz und gerne auf Facebook. Das scheint Boris Palmer aber nicht zu stören. Die Kolumne.

Face Shaming
Face Shaming - beliebter Beleidigungsstyle gegen Frauen, gerne und besonders robust angewendet im Netz. Foto: imago

Gesellschaftliche Praxis im sozialen Miteinander unterliegt bestimmten Hemmungsmechanismen, die sich in der Internet-Kommunikation gänzlich überholt zu haben scheinen. Die Kuschelatmosphäre eines niederbayerischen Ponyhofs gibt es maximal im Youtube-Video, und wer die Einhaltung basaler Benimmregeln erwartet, sollte seine Aktivitäten auf geschlossene Facebook-Gruppen mit dem Schwerpunkt Katzenposting reduzieren.

Allerdings existiert auch ein ganz spezieller Beleidigungsstyle, der im Wirtshaus rein verbal durchaus als Schenkelklopfer, – hahaha, der Hubert wieder –, goutiert wird. Im Netz erreicht er aber verbildlicht vor einem breiten Publikum nicht nur deutlich größere Reichweiten, sondern erzielt auch andere Reaktionen:

Boris Palmer blamiert sich als Internet-Sheriff

„Hat die Domina schon die Peitsche geschwungen“, betextete ein E.M. mein von ihm ins Netz gestelltes Autorenprofil unter einem Facebook-Post, in dem sich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer erneut und womöglich neurotisch öffentlich blamiert. Die Sheriff-Aktion gegen einen Studenten, der es gewagt hatte, im Palmerschen Hoheitsgebiet nicht beim Antlitz desselben in Ehrfurcht zu erstarren, hatte die Medienwelt in Wallung gebracht; ich hatte auf eine Kommentierung verzichtet.

Vermisst wurde mein Kommentar dennoch, zumindest lässt die sexualisierte Fragestellung, die nichts anderes will, als mich auf einen Zwangscharakter mit sexuellem Subtext zu reduzieren, darauf schließen. Der offen rechts lebende R.J. veredelte brav einem inneren Drang folgend – „Diejenige, die wie eine drogensüchtige und sklerotische Otto-Dix-Figur aussieht?“ – den Beitrag ohne Hemmung im Kreise Gleichgesinnter. Und OB Palmer? Der kommentierte. Wird hier jemand beleidigt? Quatsch, Jungs, alles im Rahmen des Faceshaming, das offenbar bei ordnungshütenden Politikern mit einem Augenzwinkern analog zum Stammtisch schenkelgeklopft sogar hingenommen wird.

Machismo als Gewohnheitsrecht

In gewissen Kreisen gilt dieser Machismo als Gewohnheitsrecht. Aber längst nicht überall, und daher wird zur Kenntnis gebracht, dass solche peinlichen Posts die Nichtexistenz einer Diskursmoral bestätigen.

Offline ist das reparabel, online eben nicht. Und wohl wissend, dass dieses Phänomen Männer betrifft wie Frauen, will der, der die reine Oberfläche thematisiert, diejenigen dort brechen, wo es angeblich am meisten weh tut: in der Fremdwahrnehmung der eigenen Identität, denn die ist schlicht nicht steuerbar.

Angeblich ist dies Frauen wichtiger als Männern, weshalb sie ohne Attraktivitätszertifikat – und ergo mit einer Negativbeurteilung – völlig zusammenbrechen, ihre Gene verfluchen und sich nichts mehr trauen, schon gar nicht mehr vor die Tür. Sind sie doch einfach zu hässlich, verdammt.

Letztlich geht es um einen heterosexuellen Wahn eines potentiellen Hubert oder auch einer Herta, die die „hässlichen Büchsen“ mackermäßig einordnen, und Optik zum Selbstzweck erklären, nur nie für sich selbst. Männern unterstellt man keine Abhängigkeit am Attraktivitätszertifikat, weil es die Frau ist, die im patriarchalen Grundmuster der Schönheitsfalle historisch verankert ist.

Grundsätzlich sei all jenen gesagt, die sich womöglich inhaltlich überfordert und einem Diskurs nicht anschlussfähig fühlen: Faceshaming ist kein Ausweg aus der Unfähigkeit. Es verweist nur auf die eigenen Abgründe mangelnder Originalität. Shame on you. 

Katja Thorwarth ist Autorin und Online-Redakteurin.

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