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EU An der Bar mit Europa

Europa findet kaum noch Schlaf. Sie ist bezaubernd, aber todmüde. Bei meiner Freundin sind hässliche Geister eingezogen. Die Kolumne.

Viele Gäste klopfen bei Europa an – ängstlich und hungrig. Foto: dpa

Sie wirkte übernächtigt, als ich sie gestern sah, auf einen Schluck an der Bar. „Das muss aufhören“, sagte sie heiser, „ich bin müde. Dieses Gezeter im ganzen Haus. Es ist, als seien alle irre geworden.“ Meine alte Freundin Europa ist bezaubernd und eigentlich ziemlich robust. Sie spricht elegant, singt in vielen Zungen und kann phantastisch kochen. Ich liebe sie sehr. Und mache mir Sorgen. Sie lächelte, als ich ihr das sagte.

Ihr Vater war Soldat, ihre Großmutter Bäuerin. Ihr schönes Haus hat Schlimmstes hinter sich: Prügel, Vergewaltigung und Mord. Kurz vor ihrer Geburt hatte die Familie Deutsch aus dem dritten Stock das ganze Gebäude in Brand gesteckt und etliche Nachbarn umgebracht. „Die wollten das Haus ganz für sich!“ Europa schob den Kartoffelsalat zur Seite und bestellte einen Pastis. Sie erinnert sich ungern. Die Gegenwart ist kompliziert genug.

„Diesen David zum Beispiel“, stöhnte sie, „würde ich am liebsten rausschmeißen.“ David ist der Spross eines Börsenmaklers. Sein Clan hat längst vergessen, warum er bei Europa wohnt. „Für den ist alles nur Kalkül. Auch ich.“ Sie rümpfte ihr Näslein und stürzte ihr Ale herunter. „Und kochen kann er auch nicht.“

Ihr Haus ist über die Jahre mächtig gewachsen: Derbe Wikinger, blasse Slaven, feurige Südländer wohnen hier, ein toller Haufen. Anfangs war die Stimmung super. Die Neuen schienen glücklich über die Wohnung. Die Alteingesessenen freuten sich über mehr Kundschaft. Im Hof gab es Gelage und Feuerwerk.

Bald tauchten garstige Typen auf. Der fiese Jörg aus dem Alpenland etwa. Der hat sich totgefahren. Oder dieser Geert aus Goudaland, ein blonder Blender, der schon mächtig mitredet bei sich zu Hause, genau wie der Däne Kristian und der Finne Timo. Bei den Slowaken hat ein Robert das Sagen. Nebenan führen Jaroslaw und seine Beata das große Wort. Dann gibt es noch den röhrenden Viktor. „Der rennt nur noch mit Stacheldrahtrollen durchs Haus.“ Europa bestellte einen Obstbrand. Sie ist in schlechte Gesellschaft geraten.

Die Mieter brüllen nur noch: „Ich, ich, ich!“ Einige zischeln ihr Worte wie „Schlampe“ zu. Dann johlen die Halbstarken auf allen Etagen. Neulich hat Europa die Göre Marine erwischt, als sie „Merde“ auf die Haustür schmierte. Im letzten Jahr wurde die Familie Hellas im Souterrain vom ganzen Haus lautstark als Betrüger und Faulenzer beschimpft. Vorher hatten einige sich mit einem gewissen George eingelassen, einem Rowdy von außerhalb. „Der grinste immer so kindisch“, erzählt sie, „und hatte ein ganzes Hochhaus voller Waffen.“ Gemeinsam zog man los und überfiel andere Häuser.

Ein Grund dafür, dass jetzt so viele Gäste bei Europa anklopfen – ängstlich, hungrig, mit triefend nassen Klamotten. Nun streiten die Mieter, ob man denen helfen soll. Viele sind total hysterisch und wollen die Tür zumauern.

Auch David hat gerade wieder ein Riesendrama inszeniert. „Wenn ich hierbleiben soll“, brüllte er im Hausflur, „musst du meine Miete senken!“ Europa findet kaum noch Schlaf. „Dabei brauche ich dringend Ruhe“, sagte sie und zog kräftig an ihrer Zigarette. Dann lachte sie, schon ein bisschen beschwipst, schallend. „Ich schaffe das“, rief sie, ließ all ihren Charme aufblitzen und nahm einen Schluck Champagner. „Ich weiß nur noch nicht wie.“

Tom Schimmeck ist Autor.

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