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Ernährung Döner war schöner

„Healthy living“ ist schwer in Mode, aber wo bleibt eigentlich der Spaß beim Essen und beim Trinken? Unsere Kolumne fordert: Das zweite Bier ist Bürgerpflicht.

Döner
Ein Frankfurter Döner verschönert das Leben (Symbolbild). Foto: Arnold

Wann haben in Berlin eigentlich alle mit dem gesunden Lebensstil angefangen? Also natürlich nicht alle. In Mitte deutlich mehr als in Spandau, würde ich sagen. In meinem Kiez in Gesundbrunnen gelten Paprikachips nach wie vor als gesunde Ernährung, immerhin tragen sie Gemüse im Namen.

Aber all die jungen Leute (jung im Berliner Sinne, also zwischen 18 und 59 Jahren), die hierherkommen und dann Yoga praktizieren, statt sich zu ruinieren, das gab es doch früher nicht. In den Nullerjahren waren Tischtennisplatten in Nachtclubs unser Fitnessstudios und Vitamine nahmen wir durch den Salat im Döner zu uns, den wir in den frühen Morgenstunden auf dem Weg nach Hause aßen.

Erst dachte ich, dass die zunehmend gesunde Lebensweise in meinem Umfeld daran liegt, dass meine Freundinnen und ich älter werden. Der Körper zeigt uns seine Vergänglichkeit jetzt dadurch, dass wir drei Gläser Wein an einem Abend noch zwei Tage später merken. Ab Mitte 30 mussten wir daher zwangsläufig kürzertreten, wenn wir unseren Alltag bewältigen wollten. Und irgendwann müssen wir uns alle wohl oder übel damit abfinden, dass auf Partys nur noch über Marathontrainings und Fitnessarmbänder geredet wird, während man an einer leichten Weinschorle nippt.

Aber bei den vielgeschmähten Hipstern sieht es ähnlich aus und die sind in der Regel zehn Jahre jünger als ich. Auf deren populären Instagram-Accounts etwa sehe ich nie Minipizza und Kartoffelsalat aus dem Supermarkt, auch keine verschmierte Wimperntusche morgens um halb elf oder zwei Flaschen Bier in der Mittagssonne. Nur ästhetische Fotos unter Hashtags wie #healthyliving oder #healthylifestyle, die von Jivamukti Yoga über Superfood Bowls bis Mindfulness alles abdecken. Also alles, was Krankenkassen, Arbeitgeber und Eltern gleichsam glücklich macht, selbst wenn sie vielleicht gar nicht wissen, was das eigentlich genau ist.

Auch wenn es auf der Hand zu liegen scheint, ist es meiner Meinung nach zu kurz gegriffen, ihnen deshalb angepasste Langweiligkeit vorzuwerfen. Der Unterschied zu früher ist, dass auch junge Menschen heutzutage einen richtigen Job brauchen, wenn sie in Berlin leben möchten. Das war ja vor 20 Jahren nur ein Lebensmodell unter vielen.

Wer morgens Start-ups zum Laufen bringen muss, braucht mehr Schlaf als jemand, der nachmittags ein bisschen Promotion macht oder für ein paar Stunden kellnern geht. Wir können uns also mal wieder beim Kapitalismus bedanken, der Berlin um den ganzen Spaß bringt.

Natürlich ist es vernünftig, wenn man früh aufsteht und den Tag nutzt, statt verkatert auf der Couch zu schimmeln. Aber andererseits hatte ich meine lustigsten Erlebnisse immer dann, wenn ich nicht vernünftig war. Insofern muss ich ab und zu auch mal auf meine Ungesundheit achten.

Ich habe mich zum Beispiel neulich selbst dabei ertappt, wie ich in einem Biergarten saß und nur ein kleines Bier trank. Ein Bier! Wer trinkt denn bitte schön nur ein kleines Bier? Auf dem Weg nach Hause habe ich darüber nachgedacht, dass ich dann ja am nächsten Tag früh aufstehen und vor der Arbeit schwimmen gehen kann. Als mir das auffiel, bin ich schnell noch in den nächsten Späti und habe mir ein zweites Bier gekauft. So viel Systemkritik muss sein.

Katja Berlin ist Autorin.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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