Ernährung Attacken auf das Fressverhalten

Heutzutage muss nur etwas trendy sein, und schon essen alle Avocados oder trinken Smoothies - egal ob es hilft oder nicht. Die Kolumne.

Ernährung
Die Avocado ist in ihrer Ökobilanz nur mangelhaft. Fotograf: afp

Eigentlich könnte man eine zarte Verbesserung im Ernährungsverhalten der Deutschen erkennen. Aber was heißt das schon. Viele Entwicklungen sind nämlich schlicht der Industrie zu verdanken. Hat sie doch erkannt, dass man auch viel Geld verdienen kann, wenn man sich ein Mäntelchen namens „Vernunft“ umhängt. 

So nimmt man jede Menge – wenn auch zweifelhafter – Bioprodukte ins Sortiment und versieht den Rest mit burlesken Fantasienamen, die den Eindruck erwecken sollen, Bauer Gerstmayr höchstselbst habe die Waren im Morgengrauen mit dem Trecker vorgefahren. 

Der Irrationalität ein breiter Weg geebnet

Der Kunde, nicht doof, erkennt das – und, doof, kauft trotzdem. Er ist nämlich ein Mensch, also manipulierbar. Im Gegensatz zum Viehzeug ist er bei der Nahrungsaufnahme höchst anfällig für G’fühliges, und genau da setzen die „Influenzer“ an, wie neudeutsch von der Industrie bezahlte Bauernfänger bezeichnet werden.

Erfolgversprechend sind die Attacken auf das Fressverhalten, wenn etwas zum „Trend“ erklärt wird. Dann mischt sich beim modernen Kunden der Drang zum Ländlichen rasch mit dem Bedürfnis nach Liebe und menschlicher Wärme, also dazuzugehören, also das zu tun, was „alle“ tun. 

Und schon ist der Irrationalität ein breiter Weg geebnet. Dann kaufen „alle“ plötzlich ihren Kaffee nur noch in kleinen Alukapseln, wohl wissend, damit mehr als achtzig Euro pro Kilo zu bezahlen und außerdem einen ungeheuren Umweltfrevel zu begehen. Neuerdings sogar mit Biosiegel, was der Perversion der Perversion gleichkommt. 

Obst und Gemüse in Flüssigform

Dann nehmen „alle“ ihr Obst und Gemüse – als wären ihnen über Nacht alle Zähne ausgefallen – nur noch in flüssiger Form als „Smoothie“ zu sich und entrichten dafür natürlich ebenfalls Mondpreise. 

Und dann kommen „alle“ quasi über Nacht auf die Idee, die Avocado als „Superfood“ zu begreifen und die fetten Früchte in sich zu stopfen, als gäbe es kein Morgen. Im Gelobten Land Berlin gibt es gar Restaurants, die nichts anderes anbieten, Eldorados für Veganers und Konsorten. Dass die Ökobilanz eines Kilos Avocados ungefähr so ausfällt wie bei zwei Pfund Ochsenbrust, ist nicht von Belang. Hauptsache trendy, Hauptsache cool.

Irgendwann mach ich’s mal. Ich eröffne ein Lokal, in dem es nur Mist gibt. Mist, aber retro. Superfood im Style der Fifties. Mit Essen, das bei unseren Vorfahren modern war. Also so etwas wie die voll coole Steinzeit-Ernährungsmode „Paleo“, nur eben ein paar Jährchen später angesiedelt. 

Ich werde in bester In-Viertel-Lage auf jeden Tisch eine Flasche Maggi stellen und zu gnadenlos überhöhten Preisen Fleischsalat mit richtig fürchterlicher Industriemayonnaise anbieten. Grell orangefarbene Lachsersatzbrötchen, Königinpastete mit quaddeliger Mehlpampensoße und Worcestersoße, die ich natürlich „Worschestersoße“ aussprechen werde. 

Dann kleine Quaderchen Hering in Aspik, Toast Hawaii, Pichelsteiner aus der Dose, ebenso Ravioli, Brathering, Frühstücksfleisch und Corned Beef. Außerdem Geflügelsalat mit Dosenpilzen, Krabbencocktail, russische Eier, Mettigel, Erbswurstsuppe, Jägerschnitzel aus Jagdwurst und als Nachtisch Kalter Hund und Pudding aus Dosenmilch. Und zu trinken gibt es Ananasbowle, Eierlikör und Kellergeister Gold extra. Dann bin auch ich endlich cool. Und reich.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.