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Erklärungsnot Die Unerklärlichen

Erklären ist Königsdisziplin geworden. Wer erklären kann, gewinnt Sicherheit. Jedenfalls hoffen wir das. Die Kolumne.

WM 2018 - deutsche Fans
Kann man das noch erklären? Foto: dpa

Das Leben verläuft meistens logisch, rückblickend betrachtet. Das mag zum Teil Selbsttäuschung sein, aber sie funktioniert. Sogar beim unkalkulierbaren Fußball lesen sich hinterher die Spielanalysen ja immer wie die rundum rationale Erläuterung von Unvermeidlichem. Darüber zu schwadronieren, was es für Angela Merkel und das Land bedeutet, dass „Die Mannschaft“ bei der Fußball-WM so peinlich ausschied, war geradezu Überhöhungspflicht. Also: volle Dröhnung deutsche Schicksalslogik – in Titelstorys, Leitartikeln, Großraumfeatures und Feuilletons.

Die mit Abstand romantischste These: Das Herz des Teams war erschöpft. Ach, das Herz des Landes ist’s natürlich auch. So schön können Plattitüden sein! Aber wie lange ist das nun schon her? Gut eine Woche nur – und doch schon wieder Geschichte.

Was übrig bleibt, ist die tröstliche Erkenntnis, dass sich immer Erklärungen finden lassen, die etwas hergeben. Das ist beruhigend, wenn die Dinge sich schon vorab nicht bestimmen lassen, wovon die Wettbüros leben. Erklären ist Königsdisziplin geworden. Wer erklären kann, gewinnt Sicherheit. Wahrscheinlich ist es das, was uns so gerne glauben lässt, das Leben sei logisch verlaufen.

Es gibt in diesem Leben Zeiten, in denen alles in gewohnten Gleisen bleibt – und andere, in denen alles unsicher ist, in der Politik zumal. Letzteres, die Unsicherheit, war seit den Zeiten der deutschen Vereinigung nicht mehr derart groß wie heute. Wenn man abends einschläft, weiß man nicht einmal mehr sicher, ob am nächsten Morgen der Bundesinnenminister noch im Amt ist. Man weiß abends noch nicht einmal, dass dies ab Aufwachen eine relevante Frage sein wird.

Man traut sich kaum mehr, abends sicher vorherzusagen, wie es am nächsten Morgen um die Regierung steht. Und anders als beim Fußball versagt mitunter sogar die Kompetenz der journalistischen Alles-Erklärer. Einer von ihnen hat diese Woche zugegeben, Horst Seehofer könne man nicht mehr erklären. Was aber doch auch wieder als eine Erklärung gemeint war.

Wenn man in diesen Zeiten auf die Unionsparteien, die EU oder den US-Präsidenten schaut, sieht man ein Durcheinander, gegenüber dem der unerwartete sportliche Verlauf der Fußball-WM als leicht analysierbar erscheint. Warum? Beim Sport geht’s nur um die Gegenwart. Morgen kann alles anders sein, dann interessiert das Gestern niemanden mehr.

In der Politik liegt darin ein Problem. Alles hat eine Vorgeschichte und alles wird weiter gehen. Aber zu viele handeln bloß aus dem Heute heraus. Manch eine Ego-Strategie ist deshalb so unerklärlich geworden, weil Denken in langen Linien nicht stattfindet. Sondern jemand momenthaft glaubt, mit schnellen nächtlichen Kompromissformeln einen Zwist auflösen zu können, den man selbst mutwillig herbeigeführt hat.

Wie lange ist jetzt der Montag her, dass die Republik mit der Nachricht erwachte, der unerklärliche Innenminister sei so gut wie zurückgetreten? Die Antwort der Statistiker: vier Tage. Die Antwort der Analyse-Großmeister: Das war nur ein Zwischenschritt, kein Datum zum Merken.

Spätestens übernächstes Wochenende wird es wieder hochtrabende Erklärungen geben: Wer warum Fußballweltmeister wurde. Horst Seehofer, der unlogischerweise auch noch Sportminister ist, wird sich als Analyseobjekt womöglich in guter Gesellschaft fühlen. Schwer erklärlich. Aber vor allem unverdient.

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