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Edward Snowden Oliver Stones Film gegen den Hass

Mit seinem Blick auf Edward Snowden will Oliver Stone ein zorniges Land überzeugen. Es kann ihm kaum gelingen. Die USA machen sich bereit für Trump. Die Kolumne.

Joseph Gordon-Levitt als Edward Snowden in Stones Film "Snowden". Foto: dpa

Flach, überlang, ungenau und didaktisch“ – so urteilt Rupert Murdochs „Wall Street Journal“ über den „Snowden“-Film von Oliver Stone. Wie so oft bei diesem Blatt wirkt das Gegenteil wahrer. Ich bin gerade in den USA und rannte gleich ins Kino. Fand den Film durchaus tiefgründig und präzise. Auf eine angenehm zurückgenommene Art schildert Stone den anschwellenden Zweifel des Edward Snowden, der zum Geheimdienst ging, um für sein Vaterland zu kämpfen; und allmählich begriff, was dieser gigantische Apparat in Namen dieses Vaterlandes treibt. Ich habe mich null gelangweilt.

Seit Freitag läuft „Snowden“ in 2443 US-Kinos, neben den üblichen Baller-Blockbustern, einem neuen Beatles-Film und „Bridget Jones’s Baby“. Ganz ohne Verfolgungsjagden, Witzchen und Scheppersound. Doch Stone, gerade 70 geworden, weht ein eisiger Wind entgegen. Hollywood war zu feige. Stone holte sich bei allen großen Studios eine Abfuhr, trieb das Geld schließlich in Deutschland und Frankreich auf. Die Weltpremiere fand in Toronto statt.

Seit gefühlt etwa 20 Jahren polarisiert sich der politische Diskurs in den USA. Es begann unter Bill Clinton, wurde unter Bush II zum Kriegsgeschrei. Bald acht Jahre Obama konnten daran verblüffend wenig ändern. Immer weiter entfernen sich die Weltbilder, Wahrnehmungen, Lebensgefühle der US-Amerikaner voneinander. Aus Differenzen wurde Hass. Inzwischen ist der Diskurs derart verroht, dass ein Donald Trump fast schon als logische Konsequenz erscheint.

Der Brückenbauer

Wie informiert, wie überzeugt man die Wütenden? Stone versucht es, schleicht sich an, baut Brücken für die Vaterlandsfraktion. Indem er zeigt, dass gerade auch dieser schmale, blasse Snowden bewegt ist von uramerikanischen Grundwerten: Freiheit, Selbstbestimmung, Kontrolle von Macht. Der Regisseur widersteht sogar der Versuchung, die Hauptfigur zum Heros aufzublasen. Wiewohl hierzulande kaum eine Erzählung ohne den fast aussichtslosen Kampf des guten Individuums gegen eine bitterböse Übermacht auskommt.

Snowden ist ein leiser Film für ein lärmendes Land. Ich fürchte, dass die Erzkonservativen und die Wütenden diese Sprache nicht mehr verstehen. Sie verfluchen Snowden als Dieb, Saboteur und russischen Spion, wünschen ihm die Giftspritze, den Galgen, den elektrischen Stuhl.

Auch Donald Trump hat wiederholt Snowdens Hinrichtung gefordert. „Snowden“, schlagzeilte letzte Woche die „National Review“, „ist ein Verräter und ein Heuchler. Punkt“. Ex-CIA-Direktor James Woolsey macht Snowden selbst für die Paris-Attentate verantwortlich und wünscht, dass er „am Hals aufgeknüpft wird, bis er tot ist“. Ein Satz, der hier niemanden mehr sonderlich befremdet.

Einen Tag vor dem Kinostart – angeblich purer Zufall – hat das ansonsten stets zerstrittene US-Repräsentantenhaus einen einhellig abgenickten Bericht veröffentlicht, der konstatiert: Snowden habe „gigantischen Schaden“ angerichtet und „war kein Whistleblower“, sondern ein „notorischer Übertreiber und Schwindler“. Der eigentliche Bericht blieb geheim.

Furor, Lüge, Angst. Es scheint, als machten die USA sich bereit für Trump. „Europa ist eine Hoffnung für die Welt“, sagte Edward Snowden letzte Woche. Unsere Schande, dass er immer noch bei Putin schmort.

Tom Schimmeck ist Autor.

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