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Diskriminierung „Du Hetero Sau“

Wie wäre es mal mit „Hetero Sau“? Wer so tituliert würde, nähme womöglich Abschied von der Idee, das Thema Diskriminierung sei „aufgebauscht“. Die Kolumne.

Hetero und Homo
Niemand käme auf die Idee, die Ehe zwischen Mann und Frau infrage zu stellen. Foto: Imago

Warum haben so viele Menschen ein Problem mit der „MeTwo“-Kampagne? Ist es nicht wichtig, dass vom Alltagsrassismus Betroffene einmal aufzeigen, wie dieses Land auch jenseits der blaubraunen Berufsrassisten so tickt?

Pustekuchen: „Das immer auf die Rassismusschiene zu bringen, scheint mir Taktik zu sein. … So wie das aufgebauscht wird, müssten wir ja alle Rassisten sein“, schreibt B. auf Facebook und markiert stellvertretend das Problem: Der Überbringer des Ist-Zustands ist das eigentliche Übel, er folgt einer Taktik, gegen die es sich fürs Vaterland zu wehren gilt. Was vielen leichter fällt, als sich als Teil eines großen, anteilig auch rassistischen Ganzen zu begreifen.

„Schwule Sau“ oder „Schwuchtel“ sind beliebte Schimpfwörter

Etwas in einen verallgemeinernden Kontext zu setzen, ist also bäh, wie sich auch an der Debatte zur Homophobie nachweisen lässt. Die gibt es ja angeblich seit der Ehe für alle sowieso nicht mehr, sie ist abgeschafft, hat sich in Luft aufgelöst.

Hier sind die Abgründe sogenannter „Besorgte-Eltern“-Seelen in ihrer beinahe pathologischen Hetero-Fixiertheit natürlich nicht mitgedacht, Reaktionäre halt. Ansonsten interessiere sich doch niemand mehr, wer mit wem, geht niemanden was an, und überhaupt sei das „Thema durch“. Vielmehr würden sich Homosexuelle „selbst diskriminieren“ durch – schon wieder – „das ständige Aufbauschen“. (M. auf Facebook)

Das stimmt halt nicht, denn „Du schwule Sau“ oder „Scheiß- Schwuchtel“ etc. sind äußerst beliebte Schimpfwörter unter anderem auf Schulhöfen oder in Fußballstadien, womit „schwul“ als Minderheitenmerkmal zur alltagstauglichen Diskriminierung eines verhassten Gegenübers nach wie vor taugt. Selbst wenn es im Eifer einer falschen Schiedsrichterentscheidung als Beleidigung hinausgeplärrt sein sollte, kennzeichnet es einen scheinbar gesellschaftlich tief verwurzelten Schwulenhass.

Sollten sie dennoch mal schön die Füße still halten, ginge ja nicht gegen sie direkt? SPDqueer Berlin-Pankow sieht das offenbar anders und verteilt aktuell knallrote Postkarten, auf denen in dicken Lettern „Du Hetero Sau“ geschrieben steht. So etwas bekommt der Durchschnittshetero in der Regel nicht an den Kopf geschmissen, und das schlicht, weil normative Sexualität nicht diskriminiert wird.

Darüber könnten die Damen und Herren ja einfach mal nachdenken. Aber nix da, ist doch alles so schön kuschelig, was grätschen uns in unserer Harmonieblase irgendwelche Homo-Aktivisten dazwischen?

Auch in der Kommentarspalte des Nachrichtenportals Queer.de wird die Postkarte teils als Beleidigung oder „Gleiches mit Gleichem vergelten“ missverstanden. Dabei ist sie nicht mehr als ein Spiegel für die Leute, die noch nie aufgrund eines Teils ihrer Identität diskriminiert wurden und vermutlich auch den Unterschied zwischen Beleidigung und Diskriminierung nicht erkennen. Die sollten darüber nachdenken, wie sich das anfühlt: „Du Hetero Sau“.

Doch stattdessen scheint die Schnappatmung zu überwiegen, ganz so, als wollte man sich sein Come-together-feeling partout nicht durch die schnöde Realität verhageln lassen. Dabei geht es hier um nicht weniger als die Sichtbarmachung struktureller Diskriminierung. Wie übrigens auch bei „Metwo“. Wer das nicht wahrhaben will und von „Aufbauschen“ spricht, bevorzugt offenbar einen gesellschaftlichen Status quo der reflexionsneutralen Realitätsverdrängung.

Katja Thorwarth ist Autorin und Online-Redakteurin.

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