Lade Inhalte...

Digitale Ökonomie Donald Trumps irre Zeichen

Donald Trumps Unterschrift ergeht es wie jeder anderen. Sie wird in Zeiten der digitalen Ökonomie immer unwichtiger. Die Kolumne.

USA
Donald Trump twittert gerne. Foto: dpa

Donald Trump ist es gewohnt dick aufzutragen. Die Schreibbewegung ist zackig, der Gesichtsausdruck zornig. Er schraffiert mehr, als dass er unterzeichnet, das Schriftbild gleicht einem EKG mit schnellen, hohen Ausschlägen. Neben der steilen Zeichenabfolge, aus der einzelne Buchstaben so gut wie nicht herauszulesen sind, wirkt der Schriftzug des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un hingegen wie die flüchtige Spur eines Tieres auf einem Blatt Papier.

Donald Trump liebt Twitter

Die Handschriften erwecken den Anschein interessanter zu sein als die Dokumente, unter denen sie stehen. Und während sich aus Schutz vor der Gefräßigkeit der Bildmedien die verstohlene Geste durchgesetzt hat, die Lippenbewegungen hinter einer vorgehaltenen Hand zu verbergen, erscheint die Handschrift als letztes demonstratives Ich-Signal in der Öffentlichkeit.

„Lies mich“, „deute mich aus“ scheinen die Signaturen zu rufen. Im Fall des US-amerikanischen Präsidenten hat das aber nur zu einer großen Zahl besorgniserregender Psychogramme geführt, die letztlich nicht zu verhindern vermochten, dass der Mann immer ungenierter in der Präsidentenrolle reüssiert.

Weit über die Sphären der Politik hinaus war die Unterschrift seit jeher eine große Geste der symbolischen Beglaubigung, sie stellte die Verbindung zwischen Wort und Blut dar. Das in Schriftform überführte Wort des Königs gilt. Donald Trump liebt diese Geste, deren jeweiligen Gehalt er danach oft zerstört. Selten zuvor hat der oberste Repräsentant eines Staates derart obszön zum Ausdruck gebracht, dass sein Wort und seine Unterschrift nicht zählen.

Herrschaft wird nicht selten durch die Erzeugung von Schrecken stabilisiert, und Trumps Medium der Macht ist der Widerruf. Was eben noch dick aufgetragen ward, wird mit einer elektronischen Zeichenfolge über den Nachrichtendienst Twitter konterkariert. Die alte Regel „Pacta sunt servanda“ („Verträge sind einzuhalten“) gilt nicht mehr. Trump regiert, indem er mit allem bricht.

Der Bedeutungsverlust der Unterschrift vollzieht sich aber nicht nur im „Oval Office“. In der digitalen Ökonomie versucht man nach Möglichkeit, ohne sie auszukommen. Die speckigen Displays, die Paketboten uns zum Abzeichnen vor die Nase halten, sind Relikte einer untergehenden Zeit, in der Geschäfte noch auf der Basis von Auftrag und Übergabe vollzogen wurden.

Was zählt ist die Rechnungsstellung

Das bedeutet nicht, dass die digitale Ökonomie ohne Regeln auskommt. Im Schatten des großen Handels hat sich eine immer größer werdende Branche darauf spezialisiert, die Verletzung von Regeln aufzuspüren und genau daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Ein abgekürzter Name und ein falsch gekennzeichneter Gesetzesparagraf sind der Nährstoff einer aggressiven Abmahnindustrie.

Wer im Impressum seiner Internetseite schludert, wird von mit algorithmischer Energie aufgeladenen Agenturen gnadenlos zur Rechenschaft gezogen. Geschädigt wurde niemand, unterschrieben wurde nichts, der Rechtmäßigkeit des räuberischen Vorgangs aber ist kaum etwas entgegenzusetzen.

Im Abmahnwesen geht es weder um Macht noch Recht, was zählt ist die Rechnungsstellung. Die Schreiben sind maschinell erstellt, eine Unterschrift zu Beglaubigung des Absenders ist nicht nötig. Trumps irre Zeichen, sie sind eigentlich überholt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen