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Digitale Medien beim Stillen Mütterliches Lob auf das Smartphone

Eine Studie zeigt, wie schädlich diese modernen Geräte für Mütter und Kleinkinder sind. Hat jemand schon mal untersucht, wie viele Mütter das Ding gerettet hat? Die Kolumne.

Mutter
Hat schon mal jemand eine Studie angefertigt, wie viele Mütter das Smartphone in der Stillzeit gerettet hat? Foto: imago

Mütter sind so etwas wie ein öffentliches Gut, dauernd bekommen sie Tipps, wie sie sich verhalten sollen. Es geht früh los, keinen rohen Fisch und keinen Kaffee in der Schwangerschaft, zur Geburt keine Schmerzmittel und schon gar keinen Kaiserschnitt. Pflicht ist dagegen Stillen.

Vergangene Woche entdeckte ich eine neue Anweisung: Smartphones weg! Eine Mutter, die während des Stillens digitale Medien nutzt, schädigt ihr Kind, steht in einer neuen Studie des Bundesgesundheitsministeriums.

Säuglinge, heißt es, würden unter Essens- und Einschlafstörungen leiden, wenn die Mutter, während sie das Kind betreut, nebenher auf ihr Smartphone guckt. Während ich das las, fiel mir vor Schreck fast das Kind aus dem Arm. Alle Mütter mit Babys, die ich kenne, gucken neben dem Stillen auf ihr Telefon, lesen, sehen Filme. Hielten wir eine Waffe in der Hand, schlimmer als Fertigmilch? Sollten wir das Smartphone sofort wegwerfen? Ich schaute das Kind an, waren bereits Schäden zu erkennen? Es sah scheinbar zufrieden aus und saugte weiter, gluck, gluck, gluck.

Die Kinder würden gestört, weil die Mutter abgelenkt sind, argumentiert die Studie. Wirklich? Und was ist mit Büchern? Sind die auch verboten? Bei meinem ersten Kind habe ich während des Trinkens die ersten drei Bände von Karl Ove Knausgards Werk über sein Leben gelesen. War das auch ein Fehler? Es wäre dann konsequent, auch die Lektüre von Büchern zu verbieten.

Ich las weiter. Ein Experte sagte, es laufe etwas in der Zuwendung schief, wenn eine Frau beim Stillen mit dem Smartphone hantiere. Der Experte war ein Mann, ich nehme an, er hat noch nie gestillt. Er hat wahrscheinlich auch nicht tagein, tagaus, Woche für Woche, mit einem winzigen Wesen verbracht, dass rund um die Uhr alle zwei Stunden lang trinken will, oft 45 Minuten lang.

Hat schon mal jemand eine Studie angefertigt, wie viele Mütter das Smartphone in der Stillzeit gerettet hat? Vor allem in der ersten, oft einsamen, isolierten Zeit nach der Geburt, in der man kaum die Wohnung verlässt?

Es geht nicht darum, Frauen zu rechtfertigen, die ihr Kind schreien lassen, weil sie lieber Katzenvideos angucken oder mit ihrer Freundin chatten. Frauen (und Männer), die ihre Kinder vernachlässigen, gab es längst, bevor das Smartphone erfunden wurde, sie haben sich vielleicht hinter Büchern verschanzt, hinter dem Fernseher, dem Kochtopf. Es geht doch darum, dass man in der ersten Zeit nach der Geburt eines Kindes nicht ganz den Kontakt zu dem Leben verliert, das man vorher geführt hat.

Ich habe mich schon oft gefragt, wie die Frauen das früher gemacht haben. Ohne WhatsApp, Facebook, Twitter. Ohne Nachrichtenseiten. Vielleicht waren die Frauen früher geduldiger, vielleicht wohnten ihre Schwestern, Mütter, Tanten in der Nähe und kamen zu Besuch. Die irische Schriftstellerin Anne Enright hat mal erzählt, dass sie während des Stillens Notizen für neue Buchideen auf kleine Zettel notierte.

Ich finde es toll, mein Baby für eine Weile beim Trinken zu beobachten, die eifrigen Schluckbewegungen, das wackelnde Ohr, aber es ist jetzt nicht so, dass ich dabei in eine stundenlange Trance falle und die Welt um mich vergesse.

Auch wenn ich wegen des neuen Babys keine Zeit oder keine Kraft habe, meine Freunde zu treffen, kann ich auf dem Laufenden bleiben, an ihrem Leben teilnehmen, ich kann mich mit Müttern austauschen, ich bekomme mit, was in der Welt so läuft. Das macht mich zufriedener, und davon haben auch die Kinder was.

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