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Digital Wo ist der Aus-Knopf?

Wenn Ihre Heizung eine Freundschaftsanfrage an Sie schickt, werden Sie sehen: „Always on“ ist der Fluch unserer Zeit. Die Kolumne.

Sind Sie auch so erregt? So kribbelig und hibbelig? Durch all die Posts und Tweets und Breaking News? Passiert vielleicht gerade jetzt schon wieder was? Gucken Sie mal schnell auf Facebook, Twitter, Whatsapp, Snapchat, auf Youtube, Instagram, Pinterest, Linkedin. Bestimmt hat irgendwer irgendwas gepostet. Sie sollten sofort reagieren. Sich empören. Share, share. Sich freuen. Like, like. Womöglich droht Lebensgefahr. OMG! Vielleicht gibt es auch eine tolle Party. Smile, smile!

Was, Sie schlafen nachts noch? Während Ihre Online-Games weiterlaufen? Ihre 500 Freunde vielleicht wach sind, womöglich gerade neue anklopfen? Während Supersonderangebote reinkommen? Tolle Elitepartner! Und Tierbabys! Während allein auf Youtube in jeder Minute 300 Stunden frischen Videostoffs auftauchen? Wann wollen Sie das alles gucken? Morgen? Dann sind es schon wieder 432 000 Stunden mehr.

Über drei Milliarden Menschen sind jetzt online – knapp die halbe Weltbevölkerung. Facebook allein hat 1,65 Milliarden Nutzer, Whatsapp (auch eine Facebook-Firma) über eine Milliarde. Twitter berichtet stolz, seit Anfang des Jahres seien die Videotweets um 50 Prozent gestiegen. Während Snapchat meldet, man erreiche jetzt jeden Tag 41 Prozent aller US-Amerikaner im Alter von 18 bis 34. 2015 sollen die „sozialen Netze“ bereits 8,3 Milliarden Dollar durch Werbung eingenommen haben. Google verarbeitet derzeit etwa 3,5 Milliarden Suchanfragen pro Tag.

Wir klagen über die Infoflut, über diese anschwellende Kakophonie und Hysterie. Wir fühlen uns überfordert, wähnen uns an der Verarbeitungsgrenze. Wir begreifen ganz allmählich, dass unsere Phones vielleicht smart sind, aber wir schon lange nicht mehr.

Und stehen doch erst am Anfang. Denn nun kommen die Infobrillen. Mit denen haben wir alles stets und überall im Blick: Wetter, Weltgeschehen, Verkehr, unsere 1000 Freunde und natürlich all die Arbeit. Mit einem Augenzwinkern werden wir per Livefeed unsere Kinder tracken, über ihre Bodycams sehen, was sie sehen. Ihre Hausaufgaben liken. Während uns am unteren rechten Brillenrand der Regierungssprecher die Terrorwarnstufe zutwittert.

Es folgt das „IoT“, das Internet der Dinge. Bereits in diesem Jahr, schätzen sogenannte Experten, werden täglich 5,5 Millionen Gerätschaften mit dem Internet verbunden – Autos und Rasenmäher, Kameras, Kühlschränke und Kraftwerke. Im Jahr 2020 sollen – je nach Vorhersage – zwischen 20 und 38 Milliarden Dinge online sein. Auf jeden Fall: viele. Bald wird Ihre Heizung Ihnen eine Freundschaftsanfrage schicken.

Zugleich erlebt die virtuelle Realität ihren Siegeszug. Mit wieder neuen Brillen, die unser Panorama verzaubern: noch mehr Infos, mehr Spiel, mehr Spaß. Wer die richtigen Waren anguckt, gewinnt Bonuspunkte. Die Wirklichkeit wird in Echtzeit retuschiert: Der Partner mutiert zum Supermodel, die triste Wohnstraße zum Palmenstrand. Passende Gefühle strömen über USB 6.0 direkt auf die Synapsen. Alles, was uns stört und hässlich ist, können wir einfach ausblenden, hinter Katzenfotos verstecken. Und die Psychopharmaka endlich absetzen. Flash, flash!

Von dieser Droge kommt keiner mehr los. Always on? Wir werden um den Aus-Knopf betteln.

Tom Schimmeck ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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