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Digital Detox Kein Hashtag, nirgends

Digital Detox? Kennen Sie ja, Abstinenz von Smartphone und Internet. Wie das geht? Fahren Sie einfach mal nach Brandenburg.

Der Traum des modernen Menschen ist es, nicht erreichbar zu sein. Naja, und Geld, Sex, Macht, keine zwei Wochen lang hintereinander 30 Grad im Schatten usw. Aber eben auch ein stummes Mobiltelefon ohne Mails oder Textnachrichten. Mittlerweile gibt es sogar Apps, die einem auf Wunsch zeitweise den Internetzugang kappen.

Die in Berlin bekannteste App dafür heißt Brandenburg. Hier stellt sich schnell die gewünschte Ruhe ein. Gleich hinter der Berliner Stadtgrenze wird aus dem 4G ein H, dann ein E und kurze Zeit später verwandelt sich das Smartphone zu einem Taschenrechner mit Fotofunktion.

Digital Detox nennt sich das ja heutzutage und ich habe es bei einem Spreewaldausflug testen können. Schon im Regionalexpress nach Lübbenau müssen meine Begleiterin und ich miteinander sprechen. Kein WLAN im Zug, wir sind schließlich in Deutschland. Wer hier immer noch an die öffentliche Digitalkompetenz glaubt, hat wahrscheinlich noch nie „Elster Online“ geöffnet. Infrastruktur ist für uns quasi nur ein anderes Wort für Autobahn.

Im Abteil macht sich derweil erste Unruhe breit. Was tun, wenn man nicht dauernd aufs Display gucken kann? Tagesausflügler, die alt genug sind, um sich an den Zeitvertreib ohne Internet zu erinnern, öffnen die ersten Feigenschnapsfläschchen. Es ist elf Uhr morgens.

Nach einer analogen Stunde erreichen wir den Zielbahnhof und sind froh, dass die Signalstärke hier gerade so reicht, um per Google Maps zum Hafen zu finden. Mit dem Spreewaldkahn machen wir uns dann auf den Weg in ein riesiges Freilichtmuseum – nicht nur für die sorbisch geprägte Kulturlandschaft, sondern auch für das Lebensgefühl der Vor-Internet-Ära.

Denn auch wenn wir es natürlich immer wieder versuchen, unsere Telefone bleiben vom Netz abgeschnitten. So sind wir zunächst einmal gezwungen, die ganze Zeit in die Landschaft zu schauen, weil Twitter sich nicht mehr aktualisieren lässt. Mehrere Hashtag-Kampagnen bewegen das Land, hier bewegt sich nur der Kahn. Wir sehen Libellen und Enten schnell genug an uns vorbeiziehen, um unsere reduzierte Aufmerksamkeitsspanne nicht zu überreizen.

Während der einstündigen Pause im Dorf können wir unser Mittagessen warm zu uns nehmen, weil wir es nicht vorher für Instagram fotografieren müssen. Vielleicht auch besser so, wir sind ja immer noch in Brandenburg. Hier öffnen sich Gemüsedosen deutlich schneller als Foodblogs.

Mittlerweile haben wir mehrere Stunden Internetentzug hinter uns. Wir sprechen über Heuschober, weil wir nicht wissen, was Seehofer nun gerade gefordert hat. Herrlich! Zum Glück habe ich ein bisschen vorgesorgt und 350 Katzenfotos auf meinem Handy gespeichert. Damit komme ich erst mal über die Runden.

Zurück in Lübbenau, finden wir endlich ein paar mickrige Signale. Nach mehreren Anläufen schaffe ich es, ein Bild zu versenden. Die Jetztzeit hat mich wieder.

Am Tag darauf in Berlin lese ich im Internet, dass die Brandenburger Landesregierung gerade eine Digitaloffensive angekündigt hat. Sie plant unter anderem, bis Ende 2019 kostenloses WLAN an insgesamt 1500 Stellen einzurichten. Falls Sie demnächst unseren Nachbarn aus Brandenburg begegnen, teilen Sie ihnen das ruhig mit. Vielleicht haben sie das entsprechende Infofax ja noch nicht erhalten.

Katja Berlin ist Autorin.

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