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Diesel-Verbot Vom Daimlerwahn vernebelt

Die Diesel-Affäre zeigt: Die Richter sind mit ihren Fahrverboten vernünftiger als die Abgeordneten. Aber es ist noch viel Arbeit, bis der Autowahn endet. Die Kolumne.

Fahrverbote
Hindert der Daimlerwahn an der Umsetzung der Fahrverbote? Foto: dpa

Eigentlich mag ich ja Traditionen. Sie sind Gewähr für Verlässlichkeit und Vertrautheit und schaffen so etwas wie Geborgenheit. Sie sind vergleichbar mit Ritualen, die unserem Tagesablauf Struktur geben und somit unserem gesamten Leben Ordnung verleihen.

Schließlich gelten sie als probates Mittel für die psychiatrische Behandlung geistig Verwirrter. Das kann für einen Gelegenheitsschussel wie mich dann ja auch nicht verkehrt sein. Problematisch wird es, wenn solch wohltuende Regelmäßigkeiten auf nichts beruhen als auf geballter Unvernunft.

Blicken wir doch mal in die früheste Kindheit. Da spielen selbst in modernsten Gesellschaften Mädchen automatisch mit Puppen. Das mag emanzipatorisch gesehen fragwürdig sein, doch genetisch nachvollziehbar. Im Rahmen des Kreislaufs der Natur ist es schließlich ihnen vorbehalten, die Garanten für den Fortbestand der Spezies Mensch auszutragen und am Anfang auch zu ernähren.

Was aber machen Jungs? Wie ferngesteuert greifen sie zum Auto. Robben dann tagelang damit durchs Wohnzimmer und brabbeln immerzu „brumm brumm“. Das ist zwar bescheuert, hat aber nachweislich nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, denn auch Nobelpreisträger haben das so gemacht.

Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen

Diese These beginnt jedoch zu wackeln, schaut man sich den weiteren Verlauf menschlichen Lebens an. Mädchen legen spätestens zu Beginn der Pubertät die Puppen beiseite, bei Jungs hingegen geht dann der Motorenwahn erst richtig los. Zuerst knattern sie albern mit Mopeds umher, gerieren sich genauso albern wie früher im Wohnzimmer, jedoch spürbar lauter. Und später? Jetzt wird es spannend.

Bis vor wenigen Jahren nämlich war es üblich, vom 18. Lebensjahr an mit einem Auto durch die Gegend zu gurken. Dieses wurde mit fortschreitender Karriere immer größer und schneller, schließlich zum Statussymbol verklärt, gewaschen, poliert, gehegt und geliebt. Das ist mehr und mehr passé. Knapp 130 Jahre nach seiner Erfindung hat das Automobil ausgedient, als Fortbewegungsmittel wie auch als Protzobjekt.

In immer größeren Teilen der Bevölkerung setzt sich die Erkenntnis durch, dass Männer auch ohne Kraftfahrzeug zu sensationellem Geschlechtsverkehr fähig sein können – oder eben auch nicht. So bröckelt logischerweise auch das blinde Vertrauen in die einst so selig machende Automobilindustrie, die mit ihren Abgasbetrügereien noch zusätzlich suizidale Maßnahmen ergriff und gerade dabei ist, sich selbst abzuwracken.

Autobahn - ein trauriges Relikt aus der NS-Zeit

So ist es höchste Eisenbahn, dass auch die Politik aufwacht. Deutschland ist schon lange keine Autonation mehr, die einst weltberühmte Autobahn ein trauriges Relikt aus der NS-Zeit, das fehlende Tempolimit ein Trost für Viagraresistente, die viel zu hohe Promillegrenze ein Synonym für „Einer geht noch“, das viel zu niedrige Bußgeld für Raser eine Anstiftung zum Wahnsinn, der Durchschnittsverbrauch ein Totalversagen, der innerstädtische Straßenbau ein Anachronismus und der ADAC (Allgemeiner Deutscher Automobil-Club) ein Club für alte Männer mit Hut und Wackeldackel.

Die Judikative ist vernünftiger als die Legislative, das zeigen die Diesel-Fahrverbote. Aber solange sogar Leute wie der grüne Oberschwabe Kretschmann vom Daimlerwahn vernebelt im Vorgestern geistern, bleibt noch viel zu tun. Packen wir’s an.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Diesel-Fahrverbote

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