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Die Kolumne Der Bote lenkt den Schwarm

Inhalte im Internet? Werden nur wahrgenommen, wenn sie von den richtigen Leuten weitergereicht werden.

Früher gab es ja noch Geschichtsbücher. Heute werden in Berliner Gymnasien in den Geisteswissenschaften keine Bücher mehr benutzt. Vielleicht stehen noch welche in den Mediatheken, aber der Gebrauch ist nicht verpflichtend. Bei komplexen Themen wie der Weimarer Republik verteilt der Lehrer ein paar kopierte Seiten, aber in der Regel müssen die Schüler die Unterlagen selbst beschaffen. Und das heißt, dass sie zu googeln haben.

Unverhohlen sind sie aufgefordert, sich „im Internet“ zu „informieren“, um das, was im Unterricht angesprochen wird, irgendwie zu vertiefen – zumindest so weit, dass sie in der nächsten Arbeit die fünf oder sechs Punkte zum Thema nennen können, die der Lehrplan erfordert. Wer das Falsche googelt, hat Pech, denn eine Stunde, in der alle ihre Ergebnisse vergleichen, gibt es nicht in jedem Fall.

Es ist wirklich erstaunlich, welchen Respekt „das Internet“ im Bildungswesen genießt. Es ist Referenz und Autorität, als ob sich das gesammelte Halbwissen und selbstdarstellerische Meinen, das im Netz grassiert, am Ende doch zu einer profunden Position summieren ließe, zu einem schwarmgeborenen Überautor, dem niemand widersprechen kann, weil er alles, einfach alles, bedacht hat. Und Wikipedia ist als lexikalische Instanz ohnehin längst sakrosankt. „Quelle: Wikipedia“ steht auf fast jedem handgemalten Referatsplakat von Grundschülern, obwohl die über 140 000 Zeichen und 349 Anmerkungen, die dort zu Goethe stehen, nichts weniger sind als grundschülergerechte Lektüre.

Dass eine Schulleiterin, die in einer sechsten Klasse in Schöneberg vertretungsweise den Deutschunterricht und damit die Bewertung der Goethe-Referate übernommen hatte, den elfjährigen Vortragenden neulich eine Note Abzug gab, weil diese in ihren Berichten zu viele Daten genannt hatten, darf als Widerstand gegen die Wikipediasierung der Lehre verstanden werden. Etwas anderes in die Hand gegeben hatte sie den Kindern aber auch nicht.

Tatsächlich stellt sich die Frage, worin Bildung heutzutage eigentlich bestehen könnte, wenn das erinnerbare Wissen nie weiter als drei Klicks entfernt ist. In der Fähigkeit zur Kontextualisierung? Erledigen die Links. In der Findigkeit, subjektive Narrative zu entwickeln? Wird von den Lifestyle-Bloggern vernutzt. Im Hinterfragen der Dinge? Durch deregulierte Kommentartätigkeit ausgereizt.

Kein Wunder also, wenn Jugendliche wenig Sinn darin sehen, zwischen bildenden und manipulierenden Informationen, zwischen Kreativität und Konsum zu unterscheiden und der Instagram-Seite eines Mode-Labels mit der gleichen Aufmerksamkeit folgen wie den Nachrichten des Tages. Das Konzept der verantwortlichen Autorschaft ist passé. Entweder es gelingt, das, was einem wichtig ist, mit den richtigen Leuten zu teilen, oder eben nicht.

Vielleicht bedeutet Bildung heute vor allem, Techniken der Vermittlung einzuüben. Wie erschließe und verbreitere ich das, wozu ich Zugang habe, wie nehme ich Anteil an anderen Systemen. An die Stelle des Urhebers ist als Schlüsselfigur der Bote getreten. Und weil dieser inzwischen die Botschaft dominiert und also der Schwanz immerzu mit dem Hund wedelt (der einmal ein Rezensent gewesen sein mag) – darum wird auch nichts und niemand mehr ernstzunehmend verbellt.

Petra Kohse ist Autorin.

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