Lade Inhalte...

Deutsche Einheit Kinder des Kalten Krieges

Zeit lässt sich nur als Fluidum erschließen, das durch einen hindurch rauscht und einen älter werden lässt. Was mal gut, mal weniger gut ist. Die Kolumne.

Berlin
Die Mauer ist nur noch Teil der Erinnerungskultur. Foto: imago

Seit Montag weiß ich es: 28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage stand die Mauer. Genauso lange – 28 Jahre, zwei Monate, 26 Tage, gab es sie am Montag schon nicht mehr. Ich habe keine Ahnung, wer die Zeit gezählt hat, ich war es jedenfalls nicht. Für mich war Zeit schon immer ein Rätsel, welches sich nur als Fluidum erschloss: Es rauscht durch einen hindurch und lässt einen älter werden, was mal gut und mal weniger gut ist und schließlich unausweichlich zum Tode führt.

Dabei bin ich genau 11 Tage nach Beginn des Mauerbaus geboren worden. Die Mauer und ich sind Kinder des Kalten Krieges. Zuerst war sie mir fern, ich lebte in Niedersachsen, aber dann hat sie mich umgeben, in West-Berlin. Dort sagte ein Freund zu mir: Wohin du auch schaust, du schaust immer in die gleiche Himmelsrichtung. Hier gibt es nur den Osten.

28 Jahre ist ein längerer Zeitraum als die 16 Jahre, die meinen Geburtstag vom Ende des 2. Weltkriegs trennten (16 Jahre, 108 Tage, um genau zu sein). Es ist eine verdammt kurze Zeit, diese 16 Jahre, wenn ich heute auf die 28 Jahre und zwei Monte und 26 Tage schaue. Trotzdem gehört der Zweite Weltkrieg für mich in die Tiefen der Geschichte, während die Mauer präsent ist.

Wenn ich von ihr erzähle, sehe ich bei den Nachgeborenen die gleiche Leere und Ahnungslosigkeit, die in meinem Gesicht zu sehen gewesen sein muss, als meine Eltern von früher erzählten, von der HJ oder BDM. Manchmal weinten die Erwachsenen auch.

Einmal habe ich Interviews geführt, es war im Jahr 1995, mit Überlebenden des Krieges, was auch schon wieder fast 23 Jahre her ist. Sie waren im Mai 1945 Kinder, kaum einer von ihnen lebt noch. Ihre Stimmen aber sind auf den alten Bändern gebannt, wie Geister aus einer anderen Zeit.

Ich kann einen Mann hören, der mit seinen Händen und mit seiner Stimme Geräusche nachmachte, die ihn ein Leben lang verfolgten: die Sirenen, die Motoren der Flugzeugen, die fallenden Bomben, das Feuer.

Eine Frau, die ich im Oderbruch traf, höre ich vom Sommer nach dem Krieg erzählen. Sie half dabei, Leichenteile einzusammeln auf den Schlachtfeldern der Seelower Höhen. Zehn Jahre alt war sie und bekam für die Arbeit eine Extraration Brot, das mit Sägespänen versetzt war. Manche Jahre verschwinden einfach so, andere hören nie auf.

Wenn ich früher, vor dem Mauerfall, das Gefühl hatte, die Zeit würde zu schnell vergehen, versuchte ich sie zu überlisten. Ich sah auf meine Armbanduhr und befahl dem Sekundenzeiger anzuhalten. Der Sekundenzeiger wurde bekanntlich erfunden, um die Zeit in kleine Stücke zu zerhacken, die man zählen und stapeln und zur Bank tragen kann oder an einen Arbeitgeber verkaufen.

Meistens gehorchte mir meine Armbanduhr nicht, so sehr ich meine Augen auch auf die hypnotische Schlange-Ka-Funktion einstellte. Nur einmal blieb sie plötzlich stehen. Ich bekam einen Heidenschreck, denn ich fürchtete, mit meinem egoistischen Wunsch nach Zeitgewinn die ganze Welt angehalten zu haben, denn anders konnte es ja gar nicht sein: Die Zeit ist überall gleich.

Tatsächlich war nur die Batterie alle. Ich ging zum Uhrmacher, ließ neue Batterien einsetzen und versuchte mich nie wieder als Hypnotiseur. Seitdem tickt die Uhr: 28 Jahre lang, zwei Monate und 26 Tage.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen