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Deutsche Eigenarten In allem Weltmeister sein

Deutsche wollen gerne in allem Weltmeister sein, finden Erfolg aber verdächtig. Aus dieser Falle gibt es nur einen Ausweg: Einfach mal Ruhe geben. Die Kolumne.

WM
Weltmeister wollen die Deutschen immer sein - nicht nur im Fußball. Foto: imago

Am Samstag war es kalt in Berlin. Minus 5 Grad tagsüber. Blauer Himmel, blasse Sonne, knackendes Eis. Genau der richtige Moment also für mich und meine Nachbarn, einen Kaffee im Freien zu trinken. Mit Fellmütze auf dem Kopf und Eiszapfen an der Nase schlürften wir Cappuccino im Vorgarten des italienischen Restaurants, als säßen wir mitten im Sommer auf einer Piazza in Florenz. Nebenbei bewiesen wir, dass sich die Deutschen auch im tiefsten Winter nicht davon abhalten lassen, mediterranes Lebensgefühl zu verströmen, während sich der Florentiner längst hinter seinen Ofen verkrochen hat.

Die Behauptung, wir seinen die besseren Italiener geworden, ist darum nicht übertrieben. Vielmehr ist die Zeit reif, uns zu Weltmeistern des Genusses und der Lebensfreude auszurufen, statt immer auf unseren alten Tugenden – Fleiß, Ordnung, Disziplin – herumzuhacken.

Wenn wir allerdings eines noch lieber sind als weltläufige Genussmenschen, dann Weltmeister. Im Grunde wollen wir sogar immer Weltmeister sein, in jeder Disziplin. Wenn es nicht klappt, sind wir betrübt, oft gar aufgebracht und wütend, mindestens aber verstimmt.

Deutsche Schüler haben weltweit nicht die besten Zeugnisse? Die Zukunft ist dunkel! Deutschland baut nicht die besten Computer? Katastrophe! Deutschland gewinnt nicht den European Song Contest? Schande über das Land von Mozart und Beethoven. Mozart war kein Deutscher? Warum nicht?

Wird eine nicht-weltmeisterliche Lücke entdeckt, muss sie geschlossen werden. Im deutschen Mediengeschäft etwa wurde vor Jahren entdeckt, dass die deutsche Fernsehserie der US-Konkurrenz hinterherläuft und nicht konkurrenzfähig ist. Seitdem werden Seminare angeboten, Intensivkurse und Podiumsdiskussionen organisiert, um den Mangel zu beheben. Als Ergebnis gibt es jetzt mehr Mentaltrainer und Scriptdoktoren als Regisseure, was wiederum unerreicht ist.

In diesem Zusammenhang ist es schade, dass die Sozialdemokraten der großen Koalition zugestimmt haben. Es bestand eine reelle Chance, den Europa-Rekord in der Disziplin Regierungsbildung zu knacken. Der wird immer noch von den Belgiern mit 541 Tagen gehalten. Wahrscheinlich war Doping im Spiel.

Noch lieber als Weltmeister sind wir Olympiasieger. Aber auch da droht Unglück und hört in den Momenten des Erfolgs nicht auf. Schließlich sind wir World-Cup-Sieger im Angst haben und die Nachtigall trapsen hören. Erfolg zu haben und ganz oben zu stehen lässt uns nur vermuten, dass etwas schief gelaufen ist oder jemand uns übers Ohr hauen will. Ganz zu Recht merkte etwa die Wochenzeitung „Die Zeit“ an, Deutschland habe zwar noch nie so viele Goldmedaillen gewonnen wie bei den letzten Winterspielen, man sich darum aber nicht gleich zu freuen brauche, denn in einigen Disziplinen gebe es Nachholbedarf. Italiener und Franzosen hätten wahrscheinlich sorglos gejubelt, aber die dachten bisher ja auch, sie hätten das savoir vivre für sich gepachtet, während wir uns schon den Urlaub an ihren Küsten gebucht haben.

Es ist natürlich anstrengend, immer Weltmeister sein zu wollen und gleichzeitig jeden Erfolg verdächtig zu finden. Aus dieser Falle gibt es nur einen Ausweg: einfach mal Ruhe geben. Sich einen Cappuccino bestellen und den Tag genießen wie es kein Fünf-Sterne-Florentiner kann. Herrlich. Wenn nur die Scheiß-Kälte nicht wäre.

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