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Deutsch-nationale Parallelsprache Von der rechten Rechtschreibschwäche

Deutsch ist eine schwere Sprache. Gerade viele Rechtsradikale beherrschen ihre Muttersprache nicht. Ob da ein Schulboykott der richtige Ansatz ist? Die Kolumne.

Neonazi-Demonstration in Hamburg: "Wer deutsch sein will, muss Deutsch lernen" sollte auch für Rechtsextreme gelten. Foto: imago

Wer in den sozialen Netzwerken regelmäßig bei den Stars und Sternchen der braunen Szene vorbeischaut, kann nicht ignorieren, was deutlich ins Auge fällt: die Rechtschreibschwäche überdurchschnittlich vieler Rechtsradikaler. Selbst die grundlegenden Regeln der Orthografie und Zeichensetzung werden konsequent missachtet – vom Satzbau ganz zu schweigen. Eigentlich sollte man meinen, gerade dem Deutsch-Nationalen sei ganz besonders daran gelegen, im Land der Dichter und Denker seine Muttersprache als Akt einer kulturellen Überlegenheit mit stolz geschwellter Brust nach außen zu tragen. Das Gegenteil ist jedoch zu beobachten.

„Ist meine HEIMAT eine Hier über die jeder drüberrutschen darf?“, fragt etwa K.B. auf der Facebook-Seite „Ich bin stolz, deutsch zu sein“, und erweist damit seinem geliebten Deutschland einen Bärendienst. Gegenfrage: Wenn nicht „jeder“, wer soll denn dann über „seine“ Heimat „drüberrutschen“? Sicherlich hat es der K. B. ganz anders gemeint, er kann sich aber nicht so exakt ausdrücken.

Nachhilfe für Menschen wie ihn bieten die „Hooligans Gegen Satzbau“, die der fehlerhaften „Rechts-Schreibung von Bildungsflüchtlingen“ zu Leibe rücken. „Wer deutsch sein will, muss Deutsch lernen“, ist hier kein Slogan, vielmehr liefert die Facebook-Gruppe den Betroffenen einen zeitnahen Korrekturdienst und Hilfestellungen für zukünftige Postings.

Rechts-Schreibung von Bildungsflüchtlingen

Wie dem eifrig Kommentierenden A. B., der aufgrund sprachlicher Defizite kein Gehör finden kann: „Die scheiß ausländer kriegen immer recht und wir nicht das ist so das wir sich nicht mehr entern“, schreibt er, doch was er meint, entschlüsseln „HoGeSatzbau“: „Die [S]cheiß[…]ausländer kriegen immer [R]echt und wir nicht[.] [D]as ist so[,] das wir[d] sich nicht mehr [ä]n[d]ern.“ Ab jetzt wird A. B. verstanden, parallel öffnet sich für Außenstehende ein Zugang zu einer einst verschlossenen Seele.

Ein weiteres Beispiel ist H. S.: „Nach Deutschland komen und dan nur scheiß braun und Geld habn . Aber Angst haben und nach Deutschland komen und fon ihr Land wegen Grig ans haben“ ist wohl ein Härtefall, doch immerhin schreibt der Mann seine Heimat richtig. Auch hier greifen die „Hools“ zum besseren Verständnis ein, doch verweisen solche Fälle auf das eigentlich vielschichtige Problem.

Das radikale Wutvolk ist der Entschlüsselung komplexer Textsorten gar nicht mächtig, weshalb der Ruf über die „Lügenpresse“ an völlig neuer Bedeutung gewinnt. Und Schuld daran hat womöglich nicht gänzlich das deutsche Bildungssystem, vielmehr scheinen rechtsradikale Gruppierungen die von den Bildungsinstituten vermittelte Rechtschreibkompetenz verhindern zu wollen. „Wen ich so recht überlege in der Schule lernt man sowieso nix sinnvolles, von dem her brennt die Anstalten nieder“, findet R.Z. und kommentiert damit auf der Seite „Ich bin Patriot, aber kein Nazi“ einen Aufruf zum Schulboykott. Doch das ist ein zweischneidiges Schwert für die Sache. Denn wenn die lieben Kleinen statt in der Schule künftig zu Hause unterrichtet werden – „Beukottieren ist einer der Wenigen mitteln die der Bürger zur verfügung hat“ (K.R., vermutlich Mutter) –, darf man auf eine deutsch-nationale Parallelsprache gespannt sein.

Katja Thorwarth ist Autorin und Online-Redakteurin der Frankfurter Rundschau.

Anm.der Redaktion: Das Thema scheint uns inzwischen ausdiskutiert, deshalb haben wir die Leserkommentare geschlossen.

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