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„Demo für alle“ Sexuelle Vielfalt als Teufelswerk

Die „Demo für alle“ will die Reform der Sexualerziehung in der Schule verhindern. Warum eigentlich? Die Kolumne.

Demo für Alle
Konservative Gruppen demonstrierten vergangenes Jahr in Wiesbaden gegen den Schul-Lehrplan zur Sexualkunde. Foto: dpa

Unsere Kinder sind in Gefahr. Die Bedrohung geht nicht etwa von Krieg, Klimawandel oder Gewalt aus – vielmehr sitzt das Böse in den Bildungsplänen einzelner Länder, die die Sexualaufklärung aus den dreißiger Jahren in die Neuzeit übersetzt und weiterentwickelt haben. Dagegen schießt die „Demo für Alle“ um die kürzlich aus der CDU ausgetretenen Hedwig von Beverfoerde unter dem Schlagwort „Gender-Ideologie“, die einzig die Zerstörung der heterosexuellen Familienidylle zu beabsichtigen gedenke.

Die Akzeptanz sexueller Vielfalt ist für die „DfA“ des Teufels, weshalb der Verein gegen die „staatliche Lufthoheit über Kinderbetten“ (M. Löhr, Christdemokraten für das Leben) bereits am 30. Oktober in Wiesbaden auf die Straße ging: „Die Kinder gehören den Eltern und nicht dem Staat“, dozierte seinerzeit Mathias von Gersdorff („Aktion Kinder in Gefahr“), für den der Gedanke völlig abwegig scheint, dass auch Kinder in erster Linie sich selbst gehören.

Am 6. Mai zieht es die „DfA“ erneut in die hessische Landeshauptstadt, um zu verhindern, dass die lieben Kleinen ihre Sexualität entdecken. Mami und Papi sollen sich im Einzelnen auf einem Symposium erklären lassen, was genau an der Aufklärung über verschiedene Lebensmodelle in der Schule so gefährlich ist und weshalb ihre Kinder regelmäßig gegen die eigene Selbstbestimmung demonstrieren sollen.

Als Stargast wird der Hamburger Verfassungsrechtler Christian Winterhoff angekündigt, der in einem „hoch relevanten“ Rechtsgutachten nachgewiesen haben will, dass der „Unterricht zur Akzeptanz sexueller Vielfalt“ verfassungswidrig sei: „Es ist mit der dem Staat obliegenden Neutralitäts- und Zurückhaltungspflicht unvereinbar und verstößt gegen das Indoktrinationsverbot, wenn Schulkindern die Akzeptanz vielfältiger sexueller Verhaltensweisen vermittelt und insbesondere Heterosexualität und andere sexuelle Orientierungen als gleichwertige Erscheinungsformen menschlicher Sexualität dargestellt werden“, so Winterhoff, der auf einen Gerichtsbeschluss von 2008 Bezug nimmt. Dort heißt es, dass die Schule „den Versuch einer Indoktrinierung der Schüler mit dem Ziel unterlassen (müsse), ein bestimmtes Sexualverhalten zu befürworten oder abzulehnen“ und „Ziel , (…) , nicht die Nivellierung der Unterschiede zwischen der Ehe und nichtehelichen Partnerschaften (sei), sondern die Anbahnung eines auf Gleichberechtigung angelegten Rollenverständnisses“. Nichts anderes sieht der Bildungsplan vor, weshalb Winterhoff etwas für verfassungswidrig erklärt, was so gar nicht stattfindet.

Aber dies zur Kenntnis zu nehmen, setzte die Bereitschaft einer Akzeptanz aller Menschen gleichgültig ihrer sexuellen Prägung voraus, die ja gerade so verbissen bekämpft wird. Tolerieren ist gemäß Winterhoff erlaubt, wobei Toleranz analog zur Duldung von etwas zu verstehen ist, das man nicht zu verhindern vermag. Und die jene anti-emanzipatorische Ausgrenzung in sich trägt, die es braucht, um Heterosexualität als höherwertig zu behaupten.

Insofern müssen sich den Vorwurf der Indoktrination entsprechend all jene gefallen lassen, die beim Thema sexueller Aufklärung nach wie vor auf die Schöpfungsgeschichte verweisen, um den eigenen Status als Norm zu definieren – und die sieht Aufklärung nicht vor.

Katja Thorwarth ist Autorin und Redakteurin der digitalen Redaktion der FR.

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