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Demenz Fragmente der Vergangenheit

Rollenklischees können im Zustand fortgeschrittener Demenz stabilisierend wirken. Die Kolumne.

Demenz
Foto: Imago

Der Augenblick, in dem das Tablett mit dem Abendbrot angereicht wurde, schien sie in die Rolle der Gastgeberin zu versetzen. Sie habe schon auf mich gewartet, sagte sie mit brüchiger Stimme. Ich wagte nicht, zu widersprechen. Es gab Fabrikbrot mit Belag und einen kleinen Tomatensalat. Krankenhausessen, das meine Mutter aber nicht davon abhielt, mich generös einzuladen. Schließlich war sie die Versorgerin, daran würde sich wohl nie etwas ändern.

Ihr verhieß es ein Gefühl von Sicherheit, die sie schon lange nicht mehr hatte. Und doch scheinen Rollenklischees im Zustand fortgeschrittener Demenz eine stabilisierende Wirkung zu haben. Ich glaubte zu vernehmen, dass das gemeinsame Abendessen sie beruhigte.

Ich überredete sie, anschließend mit mir eine Runde durch die Krankenhausflure zu drehen. Sie hakte sich unter, so ging es ganz gut. „Da ist ja schön, dass ich dich getroffen habe“, sagte sie irgendwie erleichtert. In ihren Gedanken schien sie allein unterwegs gewesen zu sein und erfreute sich nun an der zufälligen Begegnung.

Die lange Strecke eines Lebens

Ich erschrak bei dem Gedanken, mir vorzustellen, welch lange Strecke sie in ihrem Leben schon hinter sich hat. Als sie geboren wurde, im Sommer 1920, war der Erste Weltkrieg gerade zwei Jahre vorbei, als der Zweite Weltkrieg begann, war sie 19. Meinen Vater hatte sie während des Krieges kennengelernt, als er bereits ein junger Soldat war.

Als er 1949 aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte, war er 36 und sie 29. Eine unbeschwerte Jugend war ausgefallen, sie heirateten 1954, kurz nachdem er eine feste Anstellung erhalten hatte. So lauten die kargen Daten unserer Familienbiografie, das Leben dazwischen ist mit Familienerzählungen gefüllt, das Schicksal der Geschwister, ein paar Reisen.

Natürlich gibt es Fotos, an die sich Anekdoten knüpfen, Feiern mit Nachbarn und Verwandten. Meine Mutter war darauf nicht nur die Versorgerin, sondern auch eine lebenslustige Gastgeberin. Eine Zeit lang gönnte sie sich mit ihren Schwestern, wenn diese zu Besuch waren, eine Zigarette. Raucherinnen waren sie nie, aber vorübergehend schien es ein Ausdruck von Freiheit, Wohlstand und sorglosem Leben zu sein.

Als wir in das Krankenhauszimmer zurückkehren, grüßt sie ihre Bettnachbarinnen mit einem freundlichen „Hallo“. Eine weiterführende Kommunikation ist kaum möglich, meine Mutter ist zu schwerhörig, um einer längeren Konversation folgen zu können. Sie nimmt nur noch einzelne Sätze wahr, die man direkt in ihre Richtung spricht. Eine Unterhaltung wird daraus nicht mehr, aber zu Weihnachten repetierte sie mühe- und fehlerlos mehrere Lieder. Gelernt ist gelernt.

Was das Gedächtnis speichert und was nicht, ist nicht verlässlich zu sagen. Sie erinnert sich daran, dass mein Bruder bereits am Nachmittag zu Besuch war. Worüber sie gesprochen haben, vermag sie nicht zu sagen.

Es mag Fragmente einer langen Vergangenheit geben, eine Vorstellung von der verbleibenden Zukunft gibt es nicht. „Lasst mich nicht allein“, sagt sie manchmal. Nicht flehentlich, aber doch besorgt. Unser Versprechen wiederzukommen, nimmt sie dankbar und vertrauensvoll an, als wüsste sie nur zu genau, dass gesteigertes Misstrauen in ihrer Situation gar keinen Sinn ergibt.

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