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Das Phrasenschwein Martin Schulz vom Baum holen

Alle, die Martin Schulz vom Baum herunterhelfen wollten, waren mit seiner (vorübergehenden) Total-Absage an eine Koalition mit der CDU/CSU nicht zufrieden.

Katze auf dem Baum
Diese Katze sitzt tatsächlich auf einem Baum. Foto: Imago

Stellen Sie sich das mal vor: Heiligabend, Glöckchenklingeln, feierlicher Einzug ins Wohnzimmer, Kerzenschein an Tannenzweigen, aber dann das: Auf dem Baum sitzt immer noch Martin Schulz.

Das wollen Sie natürlich nicht, und die lieben Kolleginnen und Kollegen fast aller Medien wollen es auch nicht. Deshalb gab es in der deutschen Presse einen quasi einstimmigen adventlichen Chor, der dem SPD-Vorsitzenden mit gutem Zureden beim Abstieg von dem Baum zu helfen versuchte, auf dem er angeblich saß.

Mitleid mit Kater Schulz

„Leicht geht es einem wie der Katze, die den Baum hinauf rast und dann nicht mehr den Weg hinunter findet“, onkelte der „Kölner Stadtanzeiger“. „Man kann ja nicht einfach von jenem Baum springen, auf den man die eigenen Leute eben erst gejagt hat“, meldete die „Welt“ (sie hatte natürlich recht: Von einem Baum, auf den man andere gejagt hat, springt es sich schlecht). Und die „Frankfurter Neue Presse“ zeigte aufrichtiges Mitleid mit Kater Schulz: „Dass SPD-Chef Martin Schulz die Fortsetzung der großen Koalition direkt nach der Wahl ausschloss, war nachvollziehbar; dass er es am Montag nach dem Jamaika-Aus noch mal tat, ein schwerer strategischer Fehler. Jetzt musste ihm die ganze Partei helfen, wieder von seinem Baum herunterzuklettern.“

Ab ins Phrasenschwein

Aber warum Phrasenschwein? Weil die Verwendung des Bildes vom Baum hier nichts anderes darstellt als eine schlagwortartig banalisierte Metapher, hinter der sich eine bestimmte politische Aussage versteckte: Alle, die Schulz vom Baum herunterhelfen wollten, waren mit seiner (vorübergehenden) Total-Absage an eine Koalition mit der CDU/CSU nicht zufrieden. Aber statt sich mit den Gründen des SPD-Chefs zu befassen, wählten sie lieber eine Phrase, die nahelegte: Wie eine junge Katze hat Schulz sich auf der Flucht vor der „staatspolitischen Verantwortung“ ins Geäst „verrannt“.

Sie hätten die Sache übrigens auch als weihnachtlich-biblisches Bühnenstück aufführen können, frei nach dem Lukas-Evangelium: Dort kommt Jesus nach Jericho, wo der etwas klein geratene Zachäus in einem Baum sitzt, um Gottes Sohn besser zu sehen. Dieser aber spricht: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“

Jesus trüge in dem Stück die Züge der Angela Merkel, der kleine Zachäus wäre Schulz. Und der ist am Ende froh, die Kanzlerin im Willy-Brandt-Haus beherbergen zu dürfen. Zum Sondieren, mindestens.

Was das mit Politik zu tun hat? Wenig. Und mit Trivialisierung von Politik? Eine Menge. Deshalb, lieber Baum: Ab ins Phrasenschwein.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Phrasenschwein

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