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Cyberspace Digitales Wettrüsten

NSA-Chef Michael Rogers kommt nach Europa, um die Zukunft des Internets zu diskutieren. Doch der Cyberkrieger Rogers scheint taub für Kritik zu sein. Die Kolumne.

Bilder von NSA-Chef Michael Rogers (r.) und Michael Hayden, einst Direktor der CIA, hängen an als Kunstwerk an einer Berliner Hauswand. Foto: REUTERS

Er hat tatsächlich nur zwei Augen. Ziemlich kleine sogar. Auch seine Ohren wirken nicht sehr groß. Mike reckt die Lauscher ins Publikum. Fragt freundlich, ob auch die letzte Reihe ihn verstehe. Seine Admirals-Uniform blendet. Blütenweiß die Schuhe, die knapp sitzende Hose, das kurzärmelige Hemd voller Orden. Kein Jackett. Das ist sportlich. Er wirkt beinahe harmlos; nur sein Lächeln ein wenig wölfisch. Das mag daran liegen, dass man weiß, wer Michael Rogers ist: Chef der NSA und oberster Cyberkrieger der USA.

Letzte Woche, auf einer Nato-Konferenz zu Cyber-Konflikten in Estland: Hunderte Militärs, IT-Experten, Forscher, Hacker auf einem Haufen. Rogers will charmant sein. Er wählt warme Worte, redet von Freiheit, von Partnerschaft und „globalem Gemeingut“. Davon, dass nun alle zusammen ein Internet schaffen müssten, das „verlässlich, sicher, offen und belastbar ist“. Für ihn als Mann der Marine, säuselt der Admiral, seien die Ozeane der Welt der Bezugsrahmen – weit offen und von keiner einzelnen Nation beherrscht. Man hört das Meer rauschen, die Wellen schlagen. Man spürt auch: Selbst hier glaubt ihm kein Mensch. Der Cyber-Abwehrexperte eines deutschen Konzerns blickt auf die vielen US-Marineuniformen und murmelt: „Ein weißes Meer voller Bullshit.“

Attackierte Netzwerke und Datenbanken

Vor genau zwei Jahren starteten die Snowden-Enthüllungen. Sie veränderten die Welt. Sie zeigten uns, dass die NSA, ihr britisches Pendant GCHQ, sowie Kanada, Australien und Neuseeland eine Art angelsächsisches Mega-Hacker-Quintett bilden, dessen reale Überwachung alle bis dahin bekannten Verschwörungstheorien in den Schatten stellt. Bis heute wird nahezu jede elektronische Kommunikation weltweit, massenhaft und oft aggressiv ausgespäht. Werden Netzwerke attackiert und Datenbanken geplündert. Von staatlichen Spionen, auch von Räubern und Erpressern.

Seit Snowden spricht die NSA viel von Vertrauen. Weil dies futsch ist. Selbst im US-Kongress toben Schlachten um Überwachungs-Vollmachten, die seit den Anschlägen vom 11. September bislang vollautomatisch verlängert wurden. Auch das Vertrauen zwischen US-Konzernen und dem Sicherheitsapparat ist, wie Rogers selbst einräumte, stark strapaziert. Vermutlich, weil die Dienste bei den Firmen Daten en gros abpumpen. Und sich, so behaupten Experten, bei ihren Attacken gerne mal hinter den digitalen Signaturen bekannter Unternehmen verstecken. Was wiederum das Vertrauen der Kundschaft ruiniert und schlecht fürs Geschäft ist.

Cyberspace, stellt Rogers klar, ist „ist für uns ein Einsatzgebiet wie die See, das Land oder der Weltraum“. Er prophezeit auch hier „eine militärische Evolution“ – hin zur „Anwendung von Fähigkeiten, die bestimmte Wirkungen erzeugen“. Das Wettrüsten ist längst im Gange.

Frage aus dem Publikum: Warum machen Sie das Gegenteil von dem, was Sie sagen? Der Cyberkrieger lächelt. Es ist Teil seines Kampfauftrages, taub für Kritik zu sein. Anfang Mai erklärte ein US-Gericht das massenhafte NSA-Sammelprogramm der US-Telefondaten für illegal. Doch der NSA-Chef sagt: „Wir verletzten nicht das Recht. Das haben wir nicht getan. Das werden wir nicht tun.“ Er wird dabei auch nicht rot. Zum Abschied bekommt der Admiral einen Kaffeebecher überreicht. Statt eines Henkels schmückt das Gefäß ein großes, weißes Ohr.

Tom Schimmeck ist Autor.

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