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China Shopping in Shanghai

Der Gini-Index – das Barometer sozialer Ungleichheit – ist in China derzeit größer als in den USA. Was würde dazu wohl der einst große Vorsitzende sagen? Die Kolumne.

In Shanghai sind arm und reich dicht beieinander. Foto: REUTERS

Wer sich die Widersprüchlichkeit der modernen Welt mal so richtig reinziehen will, der sollte abends auf der Nanjing Lu in Shanghai Platz nehmen. Mit einem kalten Bier, vielleicht einem Tsingtao Draft, und ein bisschen Muße. Der östliche Teil der Straße ist die Top-Fußgängerzone von China – 1,6 Kilometer knalligster Kapitalismus. Abertausende konsumieren hier täglich. Mit einer Wonne, wie ich sie selbst in den USA nie sah.

Man staunt und staunt und staunt. Natürlich ist es absurd: Diese grelle Welt der Produkte, der Marken, inmitten des Kommunismus. Alles von Adidas bis Zara. Überflutet von buntem Neon-Licht. Filialen von McDonalds, Kentucky Fried Chicken und Starbucks dicht an dicht. Mickymäuse und Spidermänner bis zum Überdruss. Der große, gläserne Apple-Filiale gleicht einem modernen Tempel. Auf bald jeder Brust prangen ein paar Worte, meist Englisch: „Satin loves me“, „New York 1“, „Internet famous“ oder „stay real“. Eine Art Dauerwettbewerb um den sinnlosesten T-Shirt-Aufdruck.

Edelklamotten und teure Uhren

Hübsch zurechtgemacht schieben die Chinesen sich und ihren Nachwuchs durchs Getümmel. Vorbei an den Schaufenstern voller Edelklamotten und sündhaft teurer Uhren, den Insignien eines neuen, schamlosen Reichtums. Flanieren vom Volksplatz bis zur Uferpromenade, wo sie dann, vor der Wolkenkratzer-Skyline, ein „Selfie“ schießen. Die Smartphones scheinen hier endgültig verwachsen mit den Körpern ihrer Inhaber, vor allem der jungen Frauen. Man inszeniert und feiert sich. Die Menschen auf der Nanjing-Straße wirken am Abend wie im Rausch.

Apropos: In der Alkoholika-Abteilung eines Edel-Kaufhauses sah ich einen Flugzeugträger aus weißem Porzellan, mit güldenen Aufbauten und roter Fahne, in dessen Rumpf irgendein Schnaps verkorkt war. Ein feines Mitbringsel für einen Admiral. Leider kostete das Schiffchen über 8000 Euro. Da werden all die Korruptionsgeschichten gleich viel greifbarer.

Das Shanghai-Shopping-Erlebnis wird noch intensiver, wenn man sich zuvor in den Keller eines Wohnhauses in der Huashan Straße begibt, in dem sich eine imposante Sammlung chinesischer Propagandaplakate findet. Die US-Kapitalisten sind hier ein wiederkehrendes Motiv. Sie wurden gern als Papiertiger entlarvt und mit aufgesetztem Bajonett ins Meer gejagt. Besonders hübsch: Ein Plakat von 1958, aus der Zeit des „großen Sprungs nach vorn“. Es zeigt ein stolzes chinesisches Drachenboot, mit vier Segeln, auf denen die Worte „größer, schneller, besser, billiger“ stehen. Wirkt heute fast weitblickend.

1921 wurde in Shanghai die Kommunistische Partei gegründet. 1949 marschierten die Kommunisten in die Stadt ein. 1966 begann hier die Kulturrevolution. Was würde der Große Vorsitzende sagen, könnte er das Treiben auf der Nanjing Straße heute betrachten? Vielleicht: Wir bekämpfen den Kapitalismus, in dem wir ihn gnadenlos überspitzen? Der Gini-Index – das Barometer sozialer Ungleichheit, ist in China jetzt größer als in den USA.

Man könnte bei einem zweiten Bier gut darüber spekulieren, welch politischer Plan hinter diesem Rausch steckt. Brot und Spiele? Oder ist es am Ende schlicht des Menschen Wesen, sich solchem fröhlich hinzugeben? Konsum – der Satz fiel mir auf dem Rückflug ein – ist die Freiheit, die nicht denken darf.

Tom Schimmeck ist Autor

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