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Chamäleon Stille Farbenwelt der Vorzeit

Chamäleons betreiben ein ureigenes System der Bildverarbeitung. Sie haben ihre Augen überall. Das behagt dem Menschen nicht. Die Kolumne.

Chamäleon
Chamäleons können, was sonst kein Lebewesen auf diesem Planeten kann: in zwei Richtungen gleichzeitig schauen. Foto: imago

Telefonhörer, Gabel, Abheben, Auflegen. Ja, all das gab es mal! Wer hätte sich zu Wählscheibenzeiten vorstellen können, wenige Jahre später mit seinem Telefon auch zu fotografieren. Mit den neuen, überall präsenten Smartphones lassen sich exzellente Fotos machen. 

Wie viel leichter, wie viel häufiger hört man daher heute die Frage an die Kellnerin oder einen zufälligen Passanten: „Entschuldigung, könnten Sie mal ein Selfie von uns machen?“ Irgendwo bleibt die Sprachlogik dabei auf der Strecke, aber man versteht sich. Die Kommunikation funktioniert. 

Revolutionär erscheint auch, dass jeder sein Bild selbst bearbeiten kann, gleich im Smartphone, mit ein paar 3D-Touches. Es klappt, denn irgendein Bild kommt dabei immer heraus, auch wenn kaum einer weiß, wie er da hingekommen ist. In dieser Hinsicht aber sollte man sich einmal die Weltmeister der Bildverarbeitung vornehmen. 

Die Chamäleons arbeiten schon seit Vorzeiten mit einem Betriebssystem, das sonst kein Tier beherrscht und der Mensch schon gar nicht. Schließlich nehmen sie gleichzeitig zwei ganz unterschiedliche Bilder auf, eines mit dem linken und eines mit dem rechten Auge. Ganz unabhängig voneinander. 

Die beiden Augen bewegen sich in verschiedene Richtungen und scannen die Umgebung. Kommt dann aus einem Auge etwas Bemerkenswertes im Gehirn des Chamäleons an, schaltet das Reptil um. Augen geradeaus, auf das eine Ziel. 

Da lässt es sich dann besser räumlich gucken. Und schon ist die Beute, der Feind oder ein anderes Chamäleon im Blickpunkt. Man darf getrost unterstellen, dass diesen urigen Reptilien selbst nicht bewusst ist, wie sie ihre Bilder verarbeiten. Auch hat aller menschlicher Forscherdrang bisher nicht herausfinden können, wie die beiden Bilder dann im Bedarfsfall miteinander verschmolzen werden. 

Die Fähigkeit, die Augen unabhängig voneinander zu bewegen, hat diesen harmlosen Kriechtieren in den meisten menschlichen Kulturen nicht gerade Bewunderung eingebracht. Im Gegenteil. Sie haben ihre Augen überall, das behagt uns nicht. Und die Tendenz, sich jeweils schnell an eine Umgebung anzupassen, sei es auch nur farblich, gilt nicht gerade als ein moralisches Gütesiegel.

Man weiß inzwischen recht gut, wozu die Chamäleons ihren sprichwörtlichen Farbwechsel nutzen. Um sich zu tarnen, klar. Das ist aber nicht der Hauptzweck. Das Changieren dient vor allem der Kommunikation. Ein Weibchen kann dem sich nähernden Männchen ganz ohne Worte und Gesten signalisieren, ob es in Paarungsstimmung ist oder nicht. Oder zwei männliche Tiere können einander ohne große Rauferei mitteilen, dass der andere nicht erwünscht ist. 

Das ist sehr praktisch, gerade bei diesen Tieren, die keine Verteidigungsmöglichkeit haben, als höchstens den Mund weit aufzureißen und zu fauchen. Sie verständigen sich gewissermaßen über Farbbilder und nicht mit der Sprachfunktion. 

Aus den Eigenschaften der Chamäleons etwas für das menschliche Verhalten abzuleiten, wäre an den Haaren herbeigezogen, zumal diese Tiere ja Schuppen haben. Für uns Haarträger wäre das schon von daher nicht erstrebenswert. Die stille Bilderwelt dieser Schuppenträger wäre wohl nichts für die meisten Menschen, selbst wenn wir ihnen mit unseren gepixelten Bildern nacheifern – bunt, schön und gekonnt manipuliert. 

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