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Bundeswehr Wer braucht schon eine Armee?

Wir sollten endlich über die Frage diskutieren, wofür dieses Land überhaupt eine Bundeswehr benötigt - außer, um beim nächsten Hochwasser einen Damm zu bauen. Die Kolumne.

Bundeswehr im Einsatz
Sandsäcke schleppen in Magdeburg: Die Bundeswehr im Einsatz beim Hochwasser 2002. Foto: imago

Eigentlich bin ich ja kein Freund von Wühlerei in der Vergangenheit. Klar soll man aus Fehlern lernen und sie nicht wiederholen, doch ist mir ein wackerer Blick nach vorne lieber als ein klammer nach hinten. Dennoch sind Ausnahmen von dieser Regel nicht nur statthaft, sondern gelegentlich auch wichtig.

Ein Beispiel ist der Dreißigjährige Krieg, der vor 400 Jahren begann und deswegen dieser Tage Thema in den Medien ist. So schreibt „Der Spiegel“, diese fürchterlichen drei Jahrzehnte könnten der Ursprung der „German Angst“ sein sowie unseres tief verwurzelten Drängens nach Zucht und Ordnung, nach einer heilen Welt. Gucken also so viele Menschen den „ZDF-Fernsehgarten“, weil im 17. Jahrhundert etwa sechs Millionen unserer Vorfahren gemeuchelt wurden? Geahnt habe ich so etwas schon immer.

Es gibt noch mehr Zusammenhänge. Klar, es war mal wieder der unselige Gottesglaube, der diesen fürchterlichen Krieg verursachte, doch diese Heilige Kuh möcht ich nun gar nicht aufs Eis zerren. Interessant ist ein anderer Fakt.

Ist doch überliefert, dass der Haufen, die für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation antrat, alles andere war als eine gut ausgebildete Armee. Es handelte sich vielmehr um ein krudes Rudel aus Gescheiterten, Gebrechlichen, Tunichtguten, Kriminellen, Psychopathen, Gauklern und Wahrsagern.

Sie alle zogen aus vielerlei Gründen ins Gefecht, die wenigsten jedoch aus Liebe zum Vaterland. Kurzum: Das Reich musste nehmen, was es bekam, denn es gab weder eine Wehrpflicht noch eine funktionierende Berufsarmee.

Führt man sich den kläglichen Haufen vor Augen, ist man geneigt, an eine Wackelkampftruppe der Augsburger Puppenkiste zu denken – doch Spott verbietet sich angesichts des ungeheuren Elends, in das dieser Krieg die Bevölkerung stürzte, vor allem die Bauern und die Armen.

Vier Jahrhunderte ist dies nun her, genug Anlass für einen Versuch, Parallelen zu heute zu ziehen. Sich zum Beispiel die Frage zu stellen, wie es um unsere jetzige Wehr steht. Die deutschen Soldaten haben vorrangig mit Feinden zu tun, die unbesiegbar scheinen.

Ihre Gegner sind flügellahme Hubschrauber, nicht düsende Jets, tauchunfähige U-Boote, krumm schießende Flinten, verrostete Transportflugzeuge, rumpelnde Lastkraftwagen, zu dünne Winterjöppchen und zu dicke Sommerbuxen. Und wer sind sie, die sich mit alledem abplagen müssen?

Mühsam zusammenrekrutierte Freiwillige, häufig von rechtsnationalem Gedankengut Verwirrte, von der Gesellschaft Verstoßene oder sonst irgendwie vom Pfad Abgekommene, Abenteurer, Gelangweilte und Hasardeure. Oder wessen Geistes sind Menschen, die allen Ernstes an die Mär glauben, die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen zu müssen? Vor langer Zeit war einmal von deutschen Soldaten als „mündige Bürger in Uniform“ die Rede. So sie das jemals gewesen sein sollten, ist diese Zeit lange vorbei.

Es ist dies kein Plädoyer für die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Dieser Unsinn muss Teil unserer Vergangenheit bleiben. Vielmehr sollte mal wieder grundsätzlich überlegt werden, ob Deutschland tatsächlich eine Armee braucht. Mir jedenfalls fällt außer dem Dammbau beim nächsten Hochwasser kein einziger Grund dafür ein. Aber ich habe auch nie gerne mit Panzern gespielt.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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