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Bundestagswahl Immer ist von Sex die Rede

Die Wahlplakate scheinen ein geheimes, nie offen ausgesprochenes Thema zu haben: Es geht um Sex - wenn auch nicht auf den ersten Blick. Die Kolumne.

Bundestagswahlkampf
Inwiefern hat dieses Plakat mit Sex zu tun? Foto: dpa

Seit Wochen fahre ich über das Land, vorbei an Wahlplakaten. Zuerst ließ ich sie achtlos am Wegesrand liegen, dann beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl. Die Plakate schienen mir mehr und mehr ein geheimes, nie offen ausgesprochenes Thema zu haben, das sich immer wieder Bahn brach, ohne je in den Vordergrund zu treten. Die Rede ist von Sex. Natürlich nicht auf den ersten Blick. Keine Partei zeigt Politiker nackt und mit hechelndem Blick am Straßenrand, zu allem bereit. Bei ihnen geht es ja eher um Seriosität. Eine halbnackte Frau, die sich auf dem Godesberger Programm rekelt („Wähl mich!“), ist genauso undenkbar wie ein Sixpack-Bursche mit dem Parteibuch der CDU vor dem Geschlecht („Gib mir dein Kreuz!“): zu offensichtlich, zu schamlos. Aber das ist nur die eine Seite.

Es geht immer um Sex

Die Entdeckung der anderen Seite begann mit einem Wahlplakat der AfD, auf der eine schwangere Frau zu sehen war und der Slogan „Neue Deutsche? Machen wir selber“. Mal davon abgesehen, dass das Wort „machen“ so klingt als würden Deutsche bei Mercedes am Fließband hergestellt und nicht etwa in holländischen Gewächshäusern, hat es für viele linke Kritiker gleich wieder den Geruch von Lebensborn: deutsche Lenden für deutsche Kinder. Ich habe mich eher gefragt, wie in Zukunft eine Einladung zu einer Wahlkampfveranstaltung der AfD aussehen wird: zuerst vaterländische Reden, danach fröhliches Ficken in geselliger Runde? Oder ist fröhliches Ficken die falsche Assoziation im Zusammenhang mit der AfD? Wäre sachdienlicher Geschlechtsakt im Interesse der Nation besser?

Dann kam ein Plakat der FDP mit Christian Lindner, dem Daniel Craig der Liberalen. Er hielt ein Smartphone in der Hand und warb mit „Digital first, Bedenken second“, was in meinen Ohren klang wie „Zuerst poppen, dann verhüten“. Nur: Was wollen die Liberalen uns damit sagen? Dass man sich um Aids keine Sorgen mehr zu machen braucht, oder wollen auch sie mehr deutsche Qualitätskinder? Noch in Gedanken fuhr ich an einem Plakat der lokalen SPD-Kandidatin Dagmar Ziegler vorbei, die eine Antwort darauf zu haben schien.

FDP und SPD für deutsche Qualitätskinder?

Sie trat an mit dem Slogan „Voll Bock auf’s Leben“, was übersetzt ja nur heißen kann: Sex ja („voll Bock“), aber geschützt („auf’s Leben“). Auf den ersten Blick eine Supersache, aber dann sah ich neben ihrem Porträt einen Ziegenbock und die Forderung nach mehr Sicherheit für Rentner. Schon stellte ich mir rüstige Genossen vor, die ihre Gehhilfen Richtung Kondomautomaten schieben mit einer Packung Viagra von der AOK in der Tasche. Den weiteren Verlauf des Tages stellte ich mir genauso wenig vor wie Alexander Gauland beim Gruppensex.

Letzte Hoffnung CDU. Eine lächelnde Angela Merkel auf dem Plakat und der Satz „Für ein Deutschland“. Aber je länger ich über die Forderung nach einem Deutschland nachdachte, desto mehr fragte ich mich, was sie bedeutet: Ist Deutschland nicht schon ein Deutschland? Und wenn nicht, muss es ja zwei oder noch mehr andere Deutschlands geben. Und wie sollen sie zu einem Deutschland werden, wenn nicht durch Vereinigung? Und was ist Vereinigung anderes als Sex? Und wer ist die Frau auf dem Plakat dann: noch Angela Merkel oder schon Beate Uhse? In diesem Moment dachte ich an Wladimir Putin, der sich seinem Volk regelmäßig leicht bekleidet zeigt. Aber der kann es sich auch erlauben. Wenn es dem Volk nicht gefällt, sperrt er es einfach ein.

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