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Bundestagswahl „Huch, wir haben Nazis“

Es gibt keine Protestwähler. Es gibt nur Dummbeutel. Denen darf man nicht hinterherheulen. Für alle anderen muss eine vernünftige, tolerante und gerechte Politik gemacht werden. Unsere Kolumne.

Pegida
Anhänger der islamfeindlichen Pegida-Bewegung nach der Wahl in Dresden. Betont einmütig haben Pegida und AfD am Montagabend in Dresden den Wahlerfolg der Rechtspopulisten bei der Bundestagswahl gefeiert. Foto: dpa

Eigentlich werde ich ja vollkommen falsch eingeschätzt. Oft sagt man mir nach, ich sei mürrisch, übellaunisch und voll düsterer Gedanken. Wer mich jedoch näher kennt, der sieht die Sonne in meinem Herzen und hinter finsterer Fassade ein immerwährendes Lächeln in meinem Antlitz.

Ja, ich bin eine Frohnatur. Man sagte mir sogar schon nach, eine „Optimismusmaschine“ zu sein. Das stimmt auch. Schauen wir doch nur mal in den November vergangenen Jahres. Die meisten Mitmenschen schlichen mit bedröppelter Miene durch die Welt, war doch in den USA Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden. Man befürchtete das Schlimmste für die ganze Welt. Zu Recht, einerseits. Andererseits war das eine Chance für das Land, befand ich – und behielt recht. Durch die Vereinigten Staaten ging ein Ruck, man besann sich seiner großen Geschichte des Widerstands und wirft mittlerweile Trump Knüppel zwischen die Pfoten, wo es nur geht.

Nun denke ich wieder so. Die AfD ist drittstärkste Kraft in Deutschland geworden. Eine Katastrophe? Nö, sage ich. Die Wahrheit klingt paradox: Das Land hat gerade einen wichtigen Schritt gemacht, seine entsetzliche Phase von 1933 bis 1945 wirklich zu überwinden. Nach mehr als sieben Jahrzehnten sieht man sich endlich gezwungen, mit der Vertuscher- und Schönrednerei aufzuhören und zu erkennen: Wir sind ein ganz normales Land mit einem ganz normalen Anteil an Rassisten und Rechtsnationalisten. So wie nahezu alle anderen auf der großen weiten Welt ebenfalls.

Die richtigen Schlüsse ziehen

Das hat angesichts unserer Vergangenheit gewiss einen anderen Beigeschmack, doch es ist nichts Ungewöhnliches. Wir müssen nun also mit der „Huch, wir haben Nazis“-Koketterie aufhören, der Wahrheit ins Gesicht blicken und die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Und die sind: Nicht versuchen wollen, an die AfD verlorene Wähler „zurückzuholen“, wie Vertreter von SPD und CDU/CSU ankündigten, oder gar „die offene rechte Flanke zu schließen“ wie Horst Seehofer metapherte.

Man erkenne: Es gibt keine Protestwähler. Es gibt nur Dummbeutel. Wer eine Partei wählt, die offen zu Menschenhass aufruft und die Mörder in Wehrmachtsunifom zu ehren, der ist entweder nazistisch oder bescheuert – oder halt beides. Und dem darf man nicht krokodilisch hinterherheulen. Ist er geläutert, kehrt er zurück – und wenn nicht, soll er halt auf seinem braunen Misthaufen sitzen bleiben. Es geht auch ohne ihn.

Für alle anderen – und das sind die weitaus meisten – muss eine vernünftige, tolerante und gerechte Politik gemacht werden. Ich lebe lieber in einem Land, das eine humanitäre Flüchtlingspolitik betreibt, als in einem, das notleidende Menschen an seinen Grenzen verrecken lässt. Und dafür nehme ich auch mit Handkuss eine sogenannte Alternative für Deutschland in Kauf.

Noch lieber lebe ich in einem Land, das seinen Bürgern (zusammen mit möglichst vielen Neubürgern) eine gerechte Verteilung des Wohlstands gewährleistet. Da allerdings muss noch viel getan werden. Gelingt dies aber, kämen auch etliche der Dumpfwähler wieder in den Schoß der Demokratie gekrochen – ohne dass man ihnen einen nationalkonservativen Kotau angedeihen lässt. Und wie das alles gehen soll? Erst mal mit einer möglichst starken Opposition aus SPD, Grünen und Linken. Dann sehen wir weiter.

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