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Brexit Europa muss man fühlen

Die Lust auf den „Brexit“ – vom anderen Ende Europas aus betrachtet – wurzelt in mangelndem Herz und Hirn. Die Kolumne.

Einmal nach Europa und zurück auf einer Insel. Die Währungsgrenze zwischen Irland und Nordirland. Foto: AFP

Gestern stand ich auf einem staubigen Feldweg in Bulgarien, vielleicht sechs Kilometer von der griechischen Grenze entfernt. Arbeiter legten mit Hacken und Schaufeln ein Bauwerk frei, behutsam, Schicht für Schicht. Mit einer kleinen Kelle stocherten sie in jeder Schaufelladung, gingen auch mit dem Metalldetektor drüber. Ab und zu piepte er. Die Sonne brannte heiß. Wir blickten auf die Überreste von Heraclea Sintica, gegründet im 4. Jahrhundert vor Christus. Etwa 700 Jahre war hier, am Fuße des Vulkans Kojuch, Leben, Handel und Wandel. Nach einem Erdbeben um 383 AD machte die Stadt nicht mehr viel her, verschwand schließlich von der Landkarte.

Nun war schon die imposante Mauer einer römischen Basilika zu sehen, in der vor über 2000 Jahren Markt abgehalten und Recht gesprochen wurde. Lyudmil Vagalinski, ein Archäologe, lenkte meinen Blick auf allerlei Details. „Das war ein bunter Ort“, sagte er schließlich. „Mazedonier, Römer, Thraker, Kelten, alle diese Leute lebten hier zusammen.“ Multikulti? „Ja“, lachte er, „Multikulti.“

Ich musste, hier im im tiefsten Südosten der EU, an jene Europäer im äußersten Nordwesten denken, die bald über ihren „Brexit“ abstimmen: Die Briten. „Großbriten“ müsse man eigentlich sagen. Es heißt ja auch Großbritannien. Was bereits einen Teil des Dilemmas beschreibt.

Eigentlich haben sie es ja gut, haben Humor und Whisky und ewig schon Demokratie (aber nie Faschismus!). Sind im Schnitt auch viel sympathischer als David Cameron, ihre Banker und ihre versnobte Oberschicht. Ja, wir Kontinentaleuropäer mögen sie.Doch – Problem 1 – sehnen manche Briten nun alte „Größe“ herbei. Das britische Empire war einst riesengroß. 1922, auf seinem Höhepunkt, lebten auf seinen 33,67 Millionen Quadratkilometern ein Viertel der Weltbevölkerung.

Groß ist total gestern, aber trotzdem jetzt wieder modern. Herr Putin beschwört die Größe seines Reiches. Herr Trump will die USA wieder „groß machen“. Auch die Herren Erdogan, Orban, Modi, Xi und der Herr Duterte auf den fernen Philippinen reden gern und viel davon. Size matters.

Problem 2: Seit vor circa 7000 Jahren die letzte Landverbindung zum Kontinent geflutet war, ist für den Briten alles „overseas“. Europa mag für ihn pittoresk, lustig, ungewohnt lecker sein. Die Flüge sind billig. Doch bleibt es anders, fern und fremd. Der Brite fühlt nicht wirklich europäisch.

Und – Problem 3 – denkt auch nicht so. Das britische Boulevard und die rechten Blätter lärmen seit Jahren gegen die ach so bürokratische EU. Dem klassisch linken Labour-Briten war Brüssel stets viel zu kapitalistisch. Verständlich, wenn man sich anschaut, was die Barrosos, Junckers und Schäubles, die Lobbyisten und Sparkommissare daraus gemacht haben: den Wettbewerb der Standorte und Steuersätze.

Aber der Labour-Brite hat eh nichts mehr zu melden, seit ihm Margaret Thatcher die Zähne zog. Thatchers Konservative – das wird oft vergessen – gewannen 1975 ein Pro-Europa-Referendum. Ihr Ziel damals: mehr Markt. Den suchen sie jetzt anderswo. Vom friedlichen Zusammenleben der Menschen auf diesem so lange so kriegerischen Kontinent ist in London zu selten die Rede. Dabei ist dies Europas bestes Argument.

Aber das wissen wohl nur noch die Archäologen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Brexit

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