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Bombenfund in Frankfurt Wenn man plötzlich Flüchtling wird

Die Bombe und die damit verbundene Evakuierung in Frankfurt hat uns mit einigen Fragen konfrontiert. Eine davon: Wie fühlt man sich, wenn man nicht in seiner Wohnung bleiben darf? Die Kolumne.

Bombenentschärfung in Frankfurt
Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Foto: dpa

Eigentlich bietet solch eine Nachricht ja erst mal gehörig Stoff zum Frotzeln. Mehr als 60.000 Menschen werden sonntags mit dem ersten Schrei des Hahns aus dem warmen Nest geworfen, weil eine Bombe entschärft werden muss. Da frohlockten die Stammtische.

Fantasiearme plapperten schnell etwas von „Bombenstimmung“, mit erweitertem Humorhorizont Gesegnete machten sich lustig über den Aushang am Eiscafé, der da lautete „Sonntag wegen Bombe geschlossen“. Deren Scherze darüber verstanden aber nur wenige, eine Eisbombe ist halt Jüngeren kein Begriff mehr. Geistesgelehrte versuchten sich in diversen Verunstaltungen des Filmtitels „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Ein wirklicher Knaller gelang ihnen jedoch nicht, trotz aller Mühe. Kurzum: Witze über den Fund wollten allesamt nicht recht zünden.

Eine Bombe ist eine Bombe

Nicht nur das. Je näher der Tag der Entschärfung rückte, desto schmallippiger wurden die ehedem so Jokusfreudigen. Irgendwann schließlich hatte auch der letzte Jodelschädel begriffen: Eine Bombe ist eine Bombe ist eine Bombe – und Bomben sind etwas Fürchterliches. So kam denn am vergangenen Sonntag der Tag X.

Wer nicht übers Wochenende verreist war, packte in der Morgendämmerung sieben Sachen und machte sich auf den Weg. Oft nur wenige Schritte, vielleicht gerade mal über die Kreuzung oder die nächste Querstraße. Aber raus aus der Gefahrenzone. Und hinein in ein kleines Ungewisses. Wann dürfen wir zurück? Müssen wir gar irgendwo übernachten? Plündert jemand meine Wohnung? Geht das Ding gar hoch und zerstört meine Scheiben? Und ob sie es zugeben oder nicht: Ein mulmiges Gefühl hatten alle, da gehe ich jede Wette ein.

Tag X: raus aus der Gefahrenzone

So suchte man sich aus der Affäre zu winden. Nonchalant tuschelte man sich kleine Überspielungswitze zu, ähnlich denen, die bei Beerdigungen die eigene Unsicherheit übertünchen sollten, und von denen man gar nicht erst erwartet, dass sich jemand vor Lachen in die Ecke schmeißt. Freunde und Bekannte außerhalb des Gefahrenbereichs offerierten Rührei, Kaffee und Obdach, die üblichen Betroffenen stellten in den diversen Netzwerken selbstlos gar ihre ganze Wohnung zur Verfügung.

Das Ungewohnte an der Sache: Man konnte keinen wirklich Verantwortlichen dafür ausmachen. Wen dafür beschimpfen? Die Briten? Schlechter Scherz. Es galt und gilt schlicht und einfach die These: „Wer einen Krieg anfängt, darf sich nicht über dessen Auswirkungen beschweren – auch nach 70 Jahren nicht.“

Auswirkungen 70 Jahre nach dem Krieg

Also war er plötzlich wieder da, der Krieg. Jenen, die ihn noch erlebt haben, fuhr dieser Sonntag wie eine Faust in die Magengrube. Und die Jüngeren konnten ein kleines bisschen erahnen, was es heißt, wenn nicht eine solche Bombe hochgeht, sondern Hunderte von ihnen detonieren.

Und wir alle vermochten ein wenig nachzuvollziehen, was es mit einem macht, wenn man nicht in seiner Bleibe bleiben kann. Wenn man nicht mehr wohnen darf – und sei es nur für wenige Stunden. Wenn man sein Hab und sein Gut zurücklassen muss. Wenn die persönliche Freiheit zwangsbeschnitten wird. Wenn man selbst mit dem dicksten SUV nicht zu seinem eigenen Haus fahren kann. Wenn man auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Wenn man mitten in seinem sausigen und brausigen Luxusdasein ... zum Flüchtling wird.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Bombe - Evakuierung in Frankfurt

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