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Berlin Wat, wer bist Du denn?

Die Berliner halten sich für was Besseres, heißt es über die Hauptstädter. Dabei wird dort auch nur mit Wasser gekocht. Der laktosefreie iced Flat White aber natürlich nicht. Kolumne.

Hauptstadt
Was ist Berlin? Foto: dpa

Wenn man einen Blick in die sozialen Netzwerke wirft, scheinen Berliner im Rest der Bundesrepublik gar nicht so beliebt zu sein. Das mag jetzt für den einen oder anderen überraschend kommen. Aber man hätte es schon ahnen können, bei den regelmäßig in überregionalen Zeitungen erscheinenden Berlinverrissen. Die Vorwürfe gegen uns sind vielfältig. Sie reichen von abgehoben, über elitär, überheblich, unfähig, arm bis hin zu völlig weltfremd.

Einige Kritikpunkte verwundern mich nicht, Arroganz und Großmäuligkeit etwa. Auf originellere Ideen kommen diese Provinzbauern nämlich nicht! Spaß beiseite. Diese Eigenschaften werden vermutlich allen Hauptstädtern dieser Welt vorgehalten. Das kann ich auch gut nachvollziehen, aber wie verhält es sich mit den anderen Behauptungen?

Alexander Dobrindt hatte zuletzt Prenzlauer Berg im Visier

Immer wieder wird kolportiert, die Berliner seien die Elite oder hielten sich zumindest für diese. Dabei wird der Begriff einfach in den Raum gestellt. Welche Elite ist denn dabei genau gemeint? Ich wohne beispielsweise an der U-Bahn-Linie U8 – für mich zählen Menschen schon zur Elite, die mit der U9 fahren. D ie Wirtschaftselite kann damit sicher nicht gemeint sein und Politiker prägen auch nicht das Stadtbild. Hier wohnen viele Journalisten, aber die gibt es auch in Hamburg, München, Köln und Frankfurt.

Meine Überlegungen hierzu stoppen regelmäßig an dieser Stelle, weil Berlin sofort im Anschluss provinzielle Irrelevanz vorgeworfen wird. Damit hat sich die Elite-Frage dann doch wohl erledigt, oder?

Vielleicht müsste man zunächst auch erst einmal klären, welches Berlin eigentlich genau gemeint ist. Die Rede ist vermutlich ja eher nicht von Lichtenberg oder Steglitz. Alexander Dobrindt hatte zuletzt Prenzlauer Berg im Visier, dem er eine linke Meinungsvorherrschaft unterstellte. Nun ja. Wer Prenzlauer Berg für ein progressives Pflaster hält, ist wahrscheinlich schon lange nicht mehr dort gewesen. Jens Spahn lästerte über Neukölln und Berlin-Mitte, andere über Friedrichshain-Kreuzberg. Alles sehr unterschiedliche Milieus, aber eines scheint sie zu verbinden, wenn man den gängigen Klischees glaubt: Sie kennen das wahre Leben nicht. Berliner leben in einer hedonistischen Blase, heißt es. Sie verdienen nichts in ihren kreativen Berufen, wohnen aber trotzdem fürstlich in einer von ihren westdeutschen Eltern finanzierten Eigentumswohnung.

Moment… Wenn sich Eltern aus Westdeutschland Eigentumswohnungen für ihre Kinder in Berlin leisten können, leben die dann etwa das wahre Leben? Und was soll überhaupt falsches Leben sein? Ich bin verwirrt.

Das klingt jetzt alles so, als störten mich diese Vorwürfe, aber unter uns gesagt: Ich freue mich darüber. Es ist gut, dass nicht nach draußen dringt, wie öde es hier sein kann. Unser Image ist doch viel aufregender als die Realität.

Muss ja nicht jeder wissen, dass wir Tatort gucken statt tanzen zu gehen und mittlerweile sogar fast alle einen Job haben, weil die Miete doch ganz schön hoch dafür ist, dass die Wohnung unseren westdeutschen Eltern gehören soll.

Deshalb werde ich jetzt auch einen Teufel tun, das richtig zu stellen. Außerdem ist es schon nach 15 Uhr und ich muss langsam mal aufstehen, weil sich mein laktosefreier iced Flat White im Coffeeshop nicht von alleine trinkt… See you later at Berghain!

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