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Berlin Schöner wohnen am Schreckensort

Im ehemaligen Reichskriegsgericht in Berlin befinden sich seit einiger Zeit Luxuswohnungen. Das Erinnern an die Verbrechen der Nazi-Richter fällt bescheidener aus. Die Kolumne.

Das ehemalige Reichskriegsgericht in Berlin dient seit nunmehr zehn Jahren als feine Wohnadresse in bester Lage, direkt am Charlottenburger Lietzensee. Der neobarocke Koloss aus wilhelminischer Zeit beherbergte einst die neben dem Volksgerichtshof meistgefürchtete Institution der NS-Justiz. Lang ist’s her. Holländische Investoren haben die Liegenschaft 2005 gekauft, ihr den schicken Namen Atrion verpasst und sie in hundert luxuriöse Apartments verwandelt. Eine Geschichtsentsorgung, die viel bissige Kritik provozierte.

Ich frage mich, wie es sich an diesem Ort des Schreckens schöner wohnt. An seine unheilvolle Geschichte wird jedenfalls recht verschämt erinnert. Die erste Gedenktafel, 1984 am Zaun des Eckgebäudes angebracht, gibt dem Betrachter geradezu Rätsel auf. „Am Reichskriegsgericht wirkte hier 1938/39 Dr. Karl Sack als Widerstandskämpfer. Am 9.4.1945 ermordet im KZ Flossenheim.“

Was sich hinter der verklausulierten Formulierung verbirgt, muss der Betrachter schon selber entschlüsseln. Also googele ich und erfahre, dass besagter Dr. Sack zunächst Täter war, ehe er Opfer wurde. Bevor er sich dem Widerstand anschloss – er soll in die Putschpläne vom 20. Juli 1944 eingeweiht gewesen sein –, wirkte er als Richter am Reichskriegsgericht an 14 Todesurteilen wegen Landesverrats mit, bis er um Versetzung bat und fortan Rechtsexpertisen zur verschärften Bestrafung von Fahnenflüchtigen abgab.

Die zweite Tafel aus Bronze, gewidmet dem österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, begnügt sich zumindest mit Klartext. Er, ein frommer Katholik, wurde am 6. Juli 1943 vor dem Reichskriegsgericht der Wehrkraftzersetzung für schuldig befunden und am 9. August vor 75 Jahren hingerichtet.

Am Jahrestag des Urteilsspruchs hat sich kürzlich ein Häuflein Aufrechter eingefunden, um seiner zu gedenken. Die meisten von ihnen gehörten Pax Christi und der Vereinigung von Opfern der Militärjustiz an, die nach langem Hin und Her 1997, besser spät als nie, das dauerhafte Anbringen der Inschrift durchzusetzen vermochten. Dabei hat der Fall Jägerstätter die US-amerikanische Friedensbewegung inspiriert, den israelischen Theaterautor Joshua Sobol zu seinem Stück „Eye Witness“ veranlasst und den Vatikan zur Seligsprechung des Pazifisten aus Oberösterreich.

Über das Ausmaß des an dieser Stätte gesprochenen Unrechts, an der 1400 Todesurteile verhängt wurden (davon 260 gegen Kriegsdienstverweigerer), gibt erst ein drittes Schild neueren Datums dürre Auskunft. Leider hängt es etwas abseits, als ob es das Wohlfühlambiente im Atrion, einst höchste Instanz der Wehrmachtsjustiz, nicht allzu sehr stören sollte.

Überhaupt bilden in der deutschen Vergangenheitsbewältigung Deserteure offenbar das Schlusslicht. Anders lässt sich kaum der skandalöse Vorgang erklären, posthum die Opferrente zu kürzen, die Ludwig Baumann, der jüngst verstorbene Vorkämpfer für die Rehabilitation der Wehrmachtsverweigerer, seit 1993 erhielt. Sein Sohn soll jetzt 3453,46 Euro zurückzahlen. Amtliche Begründung: Der Vater, der wegen „Fahnenflucht im Felde“ zum Tode verurteilt worden war und nur knapp KZ und Strafbataillon überlebte, habe ja die beiden letzten seiner 96 Lebensjahre im Pflegeheim verbracht, was seine Ansprüche reduziere.

Auf Initiative der Linkspartei wird die Sache wohl ein parlamentarisches Nachspiel haben. Das wäre doch eine passende Gelegenheit für Union, SPD, FDP, Grüne und Linke, es vereint den AfD-Wehrmachtfans zu zeigen.

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