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Bayern Gegen Kreuzzüge

Auch kirchliche Würdenträger wenden sich inzwischen gegen die Politik der CSU. Das sagt alles und verdient Respekt. Die Kolumne.

Kreuz
So ein Kreuz ist auch eine Menge Arbeit. Foto: Imago

Eigentlich wär’s doch gut jetzt. Der Argumente sind genug getauscht, also könnte man nun besonnen zu Werke gehen und die richtigen Schlüsse aus der Diskussion ziehen, zumal in einer demokratischen Gesellschaft. Aber ist zu diesem Thema wirklich alles gesagt? Schon. Nur noch nicht von allen.

So trat nun der nächste Debatter in den Ring. Bayerns Innenminister und Gotteskrieger Joachim Herrmann verteidigte auf dem Katholikentag in Münster abermals die Anweisung seines Oberhirten Markus Söder, ab Juni in alle bayerischen Behörden ein Kreuz zu hängen.

Okay, könnte man sagen, so ein Kreuz kostet wenigstens wenig. Aus Sicht der Hausmeister ist das eine pflegeleichte Angelegenheit. Einmal an die Wand dübeln, gelegentlich mit dem Feudel drüber, das war’s dann. Es hätte schlimmer kommen können. Wie lautet doch der alte Witz? Wäre Jesus nicht gekreuzigt, sondern ertränkt worden, müssten bald in allen bayerischen Amtsstuben kleine Aquarien stehen.

Das wäre dann eine ganz andere Herausforderung für das Putzpersonal. Alle paar Wochen Wasser wechseln, Algen von den Scheiben schaben, Froschlaich rausschöpfen sowie die aufgedunsenen Gummibärchen, hineingeworfen von erbosten Steuersündern oder tatterigen Amtsräten.

Das wäre schon eine Menge Arbeit. Man denke nur an diese riesigen Behördenzentren mit einer Gesamtwassermenge wie ein mittleres Badeparadies. Andererseits birgt auch so ein Kreuz gewisse Gefahren. So ist es doch durchaus vorstellbar, dass damit jemand auch mal Schabernack treibt.

Religiosität ist kein Ponyschlecken

Doch Spaß beiseite, Religiosität ist schließlich kein Ponyschlecken. Menschen, denen ein Kreuz nichts sage, brauchten sich nicht aufzuregen, denn das Kreuz stehe für die Liebe Gottes zu allen Menschen, meinte Missionierungsminister Herrmann. Aber, Herr Minister, wenn nun jemand gar nicht von Ihrem Gott geliebt werden möchte?

Das erinnert an die gute Tat des christlichen Pfadfinders, der eine alte Oma über die Straße geleitete – obwohl die betagte Dame gar nicht auf die andere Seite wollte. Und, Herr Minister, was ist mit den Menschen, denen das Kreuz durchaus etwas sagt? Die damit Ausbeutung, Vergewaltigung, Brandschatzung, Vertreibung und Deportation verbinden?

Apropos Deportation. Beklagte sich doch unlängst ein weiterer Zwangsbekehrer, CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, bitterlich über die von ihm sogenannte Anti-Abschiebe-Industrie und meinte damit deutsche Menschen, die verhindern wollen, dass nichtdeutsche Menschen in bitterliche Armut oder den sicheren Tod geschickt werden.

Die bayerischen Missionierungsmonster verheddern sich in ihrem eigenen Indoktrinierungswahn und benutzen aus lauter Bammel vor der AfD sogar deren Vokabular. Dabei müssten sie doch nur die erste Zeile ihrer offiziellen Hymne brabbeln: „Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland!“

Das klingt doch eigentlich schon genug nach AfD – aber nein, sie müssen immer noch einen draufsetzen. Sie treiben es mittlerweile so doll da unten im braunen Süden, dass sich nun sogar etliche hohe kirchliche Würdenträger den Kreuzzügen der CSU verweigern. Und denen spreche ich an dieser Stelle einmal ausdrücklich meinen Respekt aus. Kommt wahrlich selten vor, muss aber ja auch mal gesagt werden.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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