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„Bares für Rares“ Vom veredelten Plunder

Wie eine Sendung im Fernsehen uns den Wert von Kunst und Handwerk erspüren lässt - ausgerechnet, wenn wir die alten Dinge loswerden wollen. Unsere Kolumne.

Bares für Rares
Die Händler: Elke Velten, Walter Lehnertz, Ludwig Hofmaier, Julian Schmitz-Avila und Fabian Kahl. Foto: Sebastian Gabsch (imago stock&people)

In der Wohnung meiner Mutter befindet sich ein Holzteller an der Wand, ein Schnitzwerk, nicht besonders kunst- und wohl auch nicht wertvoll. Dennoch würde es mir sofort ins Auge springen, wenn er nicht mehr dort wäre. Er gehört gewissermaßen zum Raumgefühl der elterlichen Wohnung, die ich vor bald 40 Jahren verlassen habe. 

Was es mit dem Teller auf sich hat, weiß ich nicht. Ich habe nie danach gefragt. Wahrscheinlich ist es ein Familienstück, ein Bruder meines Vaters war Tischler. Schon möglich, dass er auch geschnitzt und gedrechselt hat, was auch immer.

An den Teller musste ich denken, als ich zum ersten Mal „Bares für Rares“ mit Horst Lichter sah, eine Sendung, die es als Sonderausgabe inzwischen sogar ins Hauptabendprogramm des ZDF geschafft hat. Knapp sechs Millionen Menschen haben zuletzt zugeschaut. Eine höhere Einschaltquote schafft nur die Champions League oder der „Tatort“. 

Bei „Bares für Rares“ werden Preziosen aus privater Hand aufgeboten, um sie professionellen Antiquitätenhändlern zum Kauf anzubieten. Eine Art Versteigerung, bei der es am Ende nicht ums Geld, sondern vor allem auch um die mit Emotionen besetzten Herkunftsgeschichten der Gegenstände geht. Omas Brosche, das Ölgemälde des Onkels, ein seltenes Taschenmikroskop aus Silber. Experten fungieren als eine Art neutraler Schiedsrichter und erklären die familiären Kleinode. 

Ein vergleichbares TV-Format war bereits die Sendung „Kunst und Krempel“, in der Kunsthistoriker und andere Spezialisten darum bemüht waren, die Grenze zwischen Tradition und Tand ausfindig zu machen, Wertvolles vom veredelten Plunder zu unterscheiden. 
Was aber macht „Bares für Rares“ nun zu einem TV-Ereignis, das Millionen Zuschauer zur nostalgischen Einkehr vor dem Fernseher versammelt?

Das jahrzehntelange Desinteresse gegenüber dem Holzteller an der Wand ist natürlich nur die eine Seite der kulturellen Atmosphäre, die einen umgibt. Etwas ist da, auch wenn es sich der unmittelbaren Wahrnehmung entzieht. „Bares für Rares“ rückt die vergessenen Kleinode in dem Moment ins Bewusstsein, wo nahezu alles dem digitalen Leben untergeordnet wird. Das Taktile verschwindet, die „Herrschaft der Mechanisierung“, die der Kulturhistoriker Siegfried Gideon so scharfsinnig beschrieben hat, ist an ihr Ende gekommen. 

Horst Lichters plump-lustige Präsentation des privaten Krempels klammert sich für den Moment noch einmal an die analoge Welt des Kunsthandwerks, das das Schöne und das Praktische auf anmutige Weise zu verbinden wusste. „Bares für Rares“ ist, wenn man so will, eine elektronische Intarsienarbeit. Die Sendung zeigt Menschen bei dem Versuch, das Schöne, das sie umgibt, zu verstehen und zu bewerten. Kein Wunder, dass viele nach dem öffentlichen Wiegen es am Ende vorziehen, ihr gutes Stück zu behalten.

„Bares für Rares“ ist allerdings nicht ganz so unschuldig, wie es scheint. Es ist als Showformat wohl erst in dem Augenblick möglich geworden, wo von dem vom Dachboden hervorgeholten Erbstück nur noch bedingt eine Gefahr ausgeht. Die Sorge, dass das Geheimnis, das Opas Schatzkiste birgt, direkt hineinführt in die Geschichte der NS-Raubkunst, hat ihren Schrecken verloren. Die Sendung lädt ein zur privaten Provenienzforschung, und so ist es wohl auch ein Stück Entlastungsarbeit, das vor den Fernseher lockt.

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