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Autoverkehr Wo der Starrsinn regiert

Viele Autos und noch mehr Menschen haben im vergangenen Jahr in 723 000 Staus gestanden. Doch deshalb wird der Nahverkehr nicht ausgebaut oder gar günstiger. Seltsam! Die Kolumne.

Verkehr
Statt in öffentliche Verkehrsmittel zu investieren, werden die Straßen nachgebaut. Foto: dpa

Eigentlich ist ja den meisten Jugendlichen von heute der Führerschein ungefähr so wichtig wie ein Gesundheitszeugnis, eine Schufa-Abfrage oder – wenn es mit den Wahlerfolgen AfD so weitergeht – ein Ariernachweis. Man hält ihn für überflüssig, macht ihn aber zur Not, etwa weil man sonst einen bestimmten Job nicht kriegen würde.

Ein Auto, das war früher ein Symbol für Freiheit und Erwachsensein. Heute ist es ein stinkender Blechhaufen, übel, aber für viele noch immer notwendig. Seine gesellschaftliche Bedeutung könnte noch viel geringer sein, würde sie nicht durch Politik und Industrie künstlich hochgehalten.

Üppige staatliche Subventionen

Ist doch die Produktion der technisch längst überholten Vehikel trotz ständig neuer Betrügereien und Skandale noch immer lukrativ, nicht zuletzt durch üppige staatliche Subventionen. Und vom Volk gewählte Repräsentanten meinen nach wie vor, durch autofreundliche Politik Sympathien beim Bürger erheischen zu können, sogar vermeintlich grüne wie der schwäbische Daimlerschmuser Winfried Kretschmann.

So tut es nicht wunder, dass die Abkehr vom Auto in Stadt und Land noch immer weit zäher verläuft, als es eigentlich sein müsste. Noch immer werden viel zu wenige Radwege gebaut, noch immer ist der öffentliche Personennahverkehr zu teuer und zu spärlich entwickelt, und noch immer führt die Bahn ein kümmerliches Schattendasein gegenüber dem Straßen- und sogar dem Flugverkehr. Man überlege nur, was sich mit den täglich anderthalb Millionen Euro anstellen ließe, die der Berliner Großmannssuchtflughafen pro Ruhetag verschlingt.

Ein Umschwung ist also längst nicht in Sicht. Zwar bewegen sich die Jungen auf immer mehr neuen Wegen, fahren Rad und Bahn und bei Bedarf auch mal Sharing-Auto. Doch das Sagen haben die Alten, und die beharren auf längst verschimmelten Werten. In bester trumpscher Manier werden da Fakten schlichtweg ignoriert oder gar umfunktioniert.

2017 gab es so viele Staus wie noch nie

So interessiert anscheinend niemanden, dass jedes Auto durchschnittlich 23 Stunden pro Tag blöd herumsteht. Oder nehmen wir mal die jüngst veröffentlichte Statistik des ADAC (Allgemeiner Deutscher Automobil-Club). Nach der gab es 2017 so viele Staus wie noch nie, nämlich auf den Fernstraßen exakt 723 000. Das hatte zur Folge, dass die Menschen 457 000 Stunden in stehenden Autos bei laufendem Motor verbrachten, also etwa 52 Jahre. Was das für sie bedeutet, ist offenbar nicht von Belang.

Laut „FAZ“ taxieren hingegen viele Weise der Ökonomie einen durch den fortwährenden Stillstand verursachten volkswirtschaftlichen Schaden auf 69 bis 100 Milliarden Euro. Spediteure erleiden einen Verlust von 35 Euro pro Staustunde, und jedem Handwerksbetrieb entstehen durchschnittliche Mehrkosten von 11 000 Euro pro Jahr. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag befürchtet gar „eine echte Gefahr für die Fortsetzung des Aufschwungs“.

Oha! Das müsste sie doch alle treffen! Die heilige Kuh „Wachstum“ ist in Gefahr! Was also tun? Radwege, Bus- und Bahnnetze ausbauen, Fahrpreise gegen null senken und Güter auf die Schiene bringen? Ach was. Statt dessen fordern die „Fachleute“ mehr und bessere Straßen und klügere Verkehrsleitsysteme. Ein alter ungarischer Geiger sagte mir mal: „Wo regiert Starrsinn, setzt sich Vernunft in Ecke und weint bitterlich.“

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