Lade Inhalte...

Atomkraft Strahlende Schönheit

Aktuell belasten die Folgen friedlicher Nuklearnutzung Wildschweine und Pilze. Früher wurde sogar eine Atombombe mit einer Filmdiva verziert. Zeiten ändern sich. Eine Kolumne von Manfred Niekisch.

Atomkraft
Über 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind Pilze noch immer belastet. Foto: Roland Holschneider (dpa)

Manch schöne Dinge passen irgendwann einfach nicht mehr in die Zeit. Dazu gehört das Volkslied, demzufolge im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Das dürfte für immer vorbei sein. Dagegen hat das Männlein, das angeblich im Walde steht und von Purpur ein Mäntelein umhat, nur derzeit große Schwierigkeiten, sich zu zeigen. Das kann nächstes Jahr schon wieder ganz anders sein, wenn es mehr regnet.

Dieses Jahr scheint einfach kein Pilzjahr werden zu wollen. Umso mehr strahlt der fleißige Pilzsammler, wenn er dann doch mal ein paar genießbare Schwammerl findet. Er strahlt, könnte man sagen, mit seinen Fundstücken um die Wette. Denn die sind, wie neueste Untersuchungen zeigen, in einigen Gegenden noch erheblich mit Cäsium 137 aus Tschernobyl belastet, genau wie manches Wildfleisch. Und das über drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe, deren nukleare Wolke bis weit nach Bayern und Thüringen trieb. 

Die Halbwertszeit dieses menschengemachten Isotops war 2016 erreicht. Was aber nicht bedeutet, dass sich die nukleare Belastung halbiert hätte. Besonders trifft sie Wildschweine, da die gern bestimmte, unterirdisch wachsende Pilze verzehren. 

Wildschweine nehmen Radioaktivität auf

Diese sind für den menschlichen Genuss völlig ungeeignet, doch nehmen die Schwarzkittel über sie besonders viel Radioaktivität auf. Und nach ihnen der Nicht-Vegetarier, welcher die für ihn schmackhaften Teile der Waldbewohner isst. 

Wenn das Fleisch dieser Tiere den Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilo überschreitet, darf es nicht mehr in den Handel gebracht werden. Gemessen wurden dieses Jahr Werte, die ein Vielfaches darüber liegen. Man darf dieses Fleisch, wie auch selbst gesammelte Pilze, allerdings selbst essen. Aber man sollte es nicht tun. 

Es kann nur bedingt beruhigen, dass der Verzehr eines belasteten Sauen-Steaks nicht mehr radioaktive Belastung in den Körper bringt als ein Flug von zu Hause auf der Deutschen liebste Urlaubsinseln. Das Fatale ist, dass sich radioaktive Strahlung nicht relativieren lässt nach dem Motto, wir kriegen ohnehin auch anders Strahlung ab, was macht das bisschen da noch aus. 
Radioaktive Belastung reichert sich im Körper an. Wenn das sprichwörtliche Fass voll ist, sagt ja auch keiner, dass da noch ein paar Tropfen mehr nichts ausmachen würden. Das Wild-Steak, die Pilze, der Urlaubsflug, eine Röntgenuntersuchung, die natürliche ionisierende Strahlung in der Umwelt, und und und …

Drohszenarien mit Atomwaffen

Erst in rund 300 Jahren ist das Cäsium aus Tschernobyl endgültig zerfallen. Es wäre doch ganz schön, wenn bis dahin nicht ein weiterer Reaktorunfall Nachschub liefert – die jüngsten Pannen in den belgischen Atomkraftwerken Tihange und Doel verheißen aber leider nichts Gutes. Wirklich beruhigend wäre es, wenn allmählich alle Atommeiler rundherum abgeschaltet würden. Die sogenannte friedliche Nutzung der Kernenergie bietet angesichts der Risiken keinen wirklichen Frieden. 

Besondere Angst aber machen die menschenverachtenden Drohszenarien mit Atomwaffen, die nicht aus der Politik bestimmter Staaten verschwinden. Das sind die wahren Schurkenstaaten. Die Atombombe der USA, welche 1946 das Bikini-Atoll verwüstete, benannten die Bombenwerfer übrigens Gilda, nach der berühmten Filmrolle von Rita Hayworth, und verzierten sie mit dem Konterfei der Diva. Solch böser Sarkasmus passte eigentlich schon damals nicht in die Zeit.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen