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Artenvielfalt Romantische Visionen

Finanzspritzen sind keine Hilfe gegen Hitze und Dürre. Neue Gene auch nicht. Dennoch könnten Landwirte zu Bewahrern der Artenvielfalt werden. Die Kolumne.

Traktor auf einem Feld in Hessen
Traktor auf einem Feld in Hessen. Foto: Monika Müller

Der Klimawandel verteilt seine Folgen in Deutschland derzeit ziemlich ungerecht. Getränkeindustrie und Freibäder feiern Umsatzrekorde, während die Bauern mal wieder jammern. Hitze und Dürre haben ihnen diesmal wie nie zuvor die Ernte geschädigt. Verhageln kann man ja nun wirklich nicht sagen. Sie fordern deswegen Milliarden. Aber was soll das eigentlich für eine Finanzspritze sein?

So eine Mischung aus Schadenersatz, Schmerzensgeld und lebensnotwendiger Infusion? Oder noch eine der Subventionen, die schon fast Gewohnheitsrecht sind? Man mag es nennen wie man will, aber auf keinen Fall ist sie eine Investition, um den Klimawandel zu bekämpfen. Und der lässt uns diesen Sommer spüren, wie er sich anfühlt. Nehmen wir das doch als Chance, endlich mal Ernst zu machen mit der Anpassung an veränderte Bedingungen.

Die Regierung kommt den Bauern und ihrer Lobby mit Finanzhilfen entgegen. Das ist wohl notwendig, um Existenzen vor allem von kleinen und mittelständischen Betrieben zu sichern. Doch keines der aktuellen Klimaprobleme wird durch solche krisenabhängigen Geldspritzen gelöst. Da helfen nur grundlegende Umstellungen der Landwirtschaft.

Selbst das Suchen nach Nutzpflanzen, die an trockeneres und heißeres Wetter angepasst sind, bringt keinen wesentlichen Fortschritt. Ein paar andere Gene sind keine Lösung, wenn wir so weiter machen wie bisher, nur mit anderen Pflanzen. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die dazu beiträgt, das Klima zu kühlen, die Böden zu schützen, unsere Gewässer intakt zu halten, den Artenschwund aufzuhalten. Das geht nur, wenn wir unsere Landschaften ganzheitlich betrachten. Wenn wir ihre Nutzung so gestalten, dass sie umweltverträglich Nahrungsmittel produzieren, Platz für Erholung bieten, Freiräume lassen für Wildwuchs, für Wildtiere und natürliche Vegetation.

Eine romantische, realitätsferne Illusion? Keineswegs! Fortschrittliche Landwirte zeigen bereits, wie das geht. Abwechslungsreiche Fruchtfolgen, bodendeckende Bepflanzung, Blühstreifen, extensiv genutztes Grünland, Gewässerschutzstreifen, es ist ein Mosaik aus 1000 Möglichkeiten. Runter mit dem Pestizideinsatz, runter mit der Düngung, weg von der Massentierhaltung und von öden Monokulturen. Und Schluss mit Subventionen, die diesen Zielen im Wege stehen. Können Bauern denn dann noch so wirtschaften, dass sie genug Lebensmittel produzieren und auch noch Gewinn erzielen? Aber allemal. 

Dazu müssten etwa der Anbau von Energiepflanzen wie Mais erheblich zurückgefahren und stattdessen dauerhaft naturverträgliche Flächennutzungen in die Tat umgesetzt werden. Und das bedeutet wiederum, dass die Massen von Fleischproduzenten, die wir Vieh nennen, erheblich reduziert werden. Weniger Vieh heißt weniger Produktion und Import von Futter. Damit würde weniger verdaut, weniger Gülle anfallen und all das wäre gut fürs Klima, für die Böden, für Fauna und Flora, für unsere Gesundheit. Und für das Vieh.

Staat und Gesellschaft dürfen die Landwirte beim Umbau nicht allein lassen. Öffentliche Gelder für öffentliche Güter muss das Motto heißen. Dann wären Steuergelder sicher weit besser angelegt, weil sie allen dienen. Und unsere Landwirtschaft könnte vom Hauptverursacher des Artensterbens gar zum Bewahrer der Artenvielfalt mutieren. Aber das ist vielleicht doch eine zu romantische Vision.

Manfred Niekisch ist Biologe und früherer Direktor des Frankfurter Zoos.

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