Lade Inhalte...

Arbeitszeiten Mit Burn-out zur Deadline

Wenn sich Papa und Mama am Küchentisch im Home Office zum Co-Working treffen, hat es die Nanny auch nicht besonders leicht. Die Kolumne.

Heimarbeit ist ein alter Hut. Foto: Imago

Eigentlich es ja schon sehr lange nichts mehr wirklich Neues. Fahrräder zum Beispiel werden seit ihrer Erfindung durch eine Gabel gefedert, ein simples Prinzip, das bis heute selbst an ultrahippen Superbikes Anwendung findet. Die meisten Arzneimittel beruhen auf seit Jahrtausenden bekannten Heilkräften von Pflanzen, und eine Sau ist eine Sau ist eine Sau – selbst wenn sie als „Pulled Pork“ daherkommt.

Alles beruht also auf ganz einfachen Grundsätzen, die umso einfacher werden, je genauer man sie durchleuchtet. So wird der Mensch bei Einbruch der Dunkelheit müde, und dies trotz Elektrizität, Schichtarbeit und immer neuer Erkenntnisse der Biorhythmusforscher.

Wäre dies anders, hätte uns die Schöpfung mit der Gabe der Nachtsicht bedacht oder wenigstens der Schallimpulsorientierung. Aber da wir weder Eulen noch Fledermäuse sind, müssen wir nachts ins Nest. Daran können selbst die coolsten Trends nichts ändern.

Neuestes Beispiel ist das aktuelle Aufhebens um die Auflassung fester Arbeitsplätze und starrer Arbeitszeiten. Immer und irgendwo werkeln können, das ist der neueste Scheiß.

Für die Fragwürdigkeit dieser Mode sprechen schon die vielen Anglizismen, mit denen sie umschrieben wird. Ihre Erfindung und üppige Verwendung lässt meistens eine Vertuschung der Mücke erahnen, die der Elefant eigentlich darstellt. Schließlich ist doch ein „Power Nap“ nichts anderes als ein Mittagsschläfchen, eine „Deadline“ ein Abgabetermin und ein „Burn-out“ eine Depression.

Auffällig: Häufig haben diese Ausdrücke etwas mit Arbeit zu tun, mit Leistung und Erfolg. Und: Alle sind sie beschönigend. Selbst eine psychische Erkrankung wird da noch glorifiziert.

Genauso ist es mit dem Trend zum Arbeiten von überall, nur nicht von einem festen Platz in der Firma. Man nennt dies „Home Office“, und wenn man es nicht alleine tut „Co-Working“. Dabei ist Heimarbeit ja ein uralter Hut. Früher verrichteten Frauen einfache Näh- und Falzarbeiten von zu Hause und konnten so gleichzeitig kochen und auf ihre Kinder aufpassen. Das klingt natürlich piefig und riecht nach uncoolen Mehlsoßen und vollen Windeln. Also wird heute der Küchentisch zum „Home Office“ geadelt – und schon ist man hip und wichtig. Noch hipper sind jene, die mit Trendgenossen an einem „Co-Working Place“ schuften. Jeder für sich, aber in Gemeinschaft.

Das Kuriose: Gepriesen wird das Neue Schaffen von Sozialdemokraten und Gewerkschaften, zögerlich sind eher die CDU und die Unternehmerverbände, besonders wenn es darum geht, ein Recht auf Heimarbeit für alle einzuführen, wie es in den Niederlanden schon existiert. Aber was soll das für eine Gesellschaft werden, in der alle immer arbeiten? In der niemand mehr einen Feierabend kennt? Man muss doch schon heute monatelang auf einen Therapieplatz warten. Wohin also mit all den Ausgeburnten?

Einst propagierten die Gewerkschaften mit dem Spruch „Samstags gehört Papi mir“ die Fünf-Tage-Woche. Was aber, wenn Mami und Papi immer zu Hause sind, aber nie Zeit haben, weil sie unaufhörlich arbeiten – oder ständig an die Arbeit denken und nicht abschalten können? Da muss dann eine „Nanny“ her, wie Kindermädchen heute zu heißen haben. Was aber, wenn auch die Nanny daheim arbeiten möchte?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen