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Antisemitismus Die Wahrheit über Israel

Kaum hat man den Antisemitismus mal vergessen, kommt er wieder angekrochen. An unerwarteten Orten, wie beispielsweise dem Frankfurter Landgericht oder dem Friseursalon. Die Kolumne.

Ein Weihnachtsmann aus Palästina in Jerusalem. Foto: dpa

Vor einigen Wochen entspann sich zwischen einem an und für sich sehr netten Justizwachtmeister und mir ein etwas anstrengender Dialog. Der Wachtmeister sprach mir sein Beileid aus, weil wir Journalisten ja nicht die Wahrheit schreiben dürften. Welche Wahrheit, fragte ich. Die Wahrheit über Israel, sagte der Wachtmeister. Was denn die Wahrheit über Israel sei, wollte ich wissen. Das wüssten wir doch am besten, antwortete der Wachtmeister, wir dürfte sie ja nicht schreiben. Wer denn wir sei, fragte ich. Na, die Journalisten, sprach der Wachtmeister.

Auf meine Frage, wer uns Journalisten denn das Schreiben der Wahrheit über Israel verbiete, rollte der Wachtmeister nur die Augen. So als sei die Frage so blöde wie die, was an der Wand hänge, Tick-Tack mache und wenn es runterfalle die Uhr kaputt sei. Sämtliche Versuche, den Wachtmeister davon zu überzeugen, dass zumindest in meinem Falle der einzige Grund, warum ich nicht die Wahrheit über Israel schriebe der sei, dass ich nichts von der Wahrheit über Israel wisse und zudem hauptsächlich für die Lokalredaktion schriebe, scheiterten. Der Wachtmeister schaute mich bloß mitleidig an, murmelte, dass er in seinem Job ja auch nicht immer so könne, wie er wolle, ging seines Weges und ließ mich etwas ratlos zurück.

Justitzwachtmeister und Friseure

Nur wenige Tage darauf stand der Gang zum Friseur an. Der Friseur ist ein an und für sich sehr anständiger Meister seines Faches, der seine Dienste maßvoll berechnet, einen anständigen Minztee serviert aber zuweilen an Mitteilungszwang leidet – Berufskrankheit eben.

Ich arbeitete doch bei der Zeitung, stellte der Friseur fest, und da roch ich schon Lunte, vor allem weil der Friseur die folgende Frage mit der Bemerkung einleitete, wir Journalisten könnten ja wohl auch nicht immer so, wie wir wollten oder wüssten. Ob ich denn wüsste, wie viele Juden sich 9/11 im World Trade Center befunden hätten. „Nicht einer“, antwortete ich, wild entschlossen, dieses mal die fruchtlose Diskussion bereits im Keim zu ersticken. Vor Schreck ob solcher Offenheit versagten dem Friseurs bloß für einen kurzen Moment Schere und Zunge den Dienst, dann fragte er, warum wir denn im Angesicht der Wahrheit schwiegen. Weil, antwortete ich dem Friseur, uns unser Verleger Mordechai Grünspan jeden Morgen vor der Ausgabe der Lohntüten bei Abrahams Bart und Davidas Stern schwören ließe, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu verschweigen. Die über Israel im Allgemeinen und die über 9/11 im Speziellen.

Brachte auch nichts ein. Der Friseur war beleidigt und verweigerte gar das obligate Abfackeln der Ohrhaare. Verarschen könne er sich selber, sagte der Friseur, aber Fakt sei ja nun mal, dass wir Journalisten nicht die Wahrheit über Israel schreiben dürften. Das mache dann zehn Euro. Vielleicht war ihm bekannt, dass unser Verleger gar nicht Grünspan heißt, aber das wage ich zu bezweifeln. Wie man’s macht, macht man’s falsch. Vermutlich gibt es gar keinen anständigen Weg, dieser Diskussion zu entrinnen. Außer, sie zu vermeiden.

Die zwei Vorsätze für das neue Jahr: Sobald jemand fragt, warum wir Journalisten nicht die Wahrheit über I... – Zeigefinger in beide Ohren und solange „Bei mir biste schejn“ gesungen, bis das Gegenüber verschwunden ist! Und unbedingt die Wahrheit über Israel rausfinden. Muss ja sagenhaft spannend sein.

Stefan Behr ist Gerichtsreporter der FR.

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