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Anstand Die neue Ruppigkeit

Anständig ist man nicht, um etwas zu erreichen. Man wird Rüpel auch weder bekehren noch deren politische Ziele beseitigen. Soll man es deshalb sein lassen? Die Kolumne.

Anstand
Kann zu Anstand aufgerufen werden? Foto: imago

Ich halte anderen Menschen gern die Tür auf. Einfach so, als Geste. Manchmal ernte ich dafür ein freundliches Lächeln, oft ein kurzes „Danke“, gelegentlich passiert einfach nichts. Das stört mich nicht. Es geht mir nicht um eine Kontaktaufnahme, und ich beabsichtige auch nicht, die Welt durch mein Tun zu verbessern. Eher ist es für mich ein kleiner Tagesbeweis des In-der-Welt-Seins. Die anderen Leute sind auch da, sie reagieren oder sie lassen es. Ich selbst bin manchmal in Gedanken. Vor einigen Wochen lief ich auf der Straße grußlos an Nachbarn vorbei. Erst als ich schon ein paar Meter weiter war, fiel mir mein Verhalten auf. Ich blieb stehen und bat, meine Unachtsamkeit zu entschuldigen.

Grußverhalten fiel unter die Kategorie Anstand

Vielleicht hätte es die Nachbarn nicht einmal verwundert, wenn ich es nicht getan hätte. Es ist längst Teil der gesellschaftlichen Normalität, dass alle mit sich selbst beschäftigt sind, da stören die anderen meist nur. Manchmal brauchen wir sie doch, aber ich habe meine Gruß- und Türhalterrituale nicht darauf abgestellt, später eine Gegenleistung zu erhalten. Und doch bilde ich mir ein, dass die Wahrnehmung des anderen zu unserem Alltag gehört oder wenigstens gehören sollte. Früher fiel das Grußverhalten unter die Kategorie Anstand. Heute erscheinen derart viele Bücher darüber, dass man Verdacht hegen muss, es gebe das, was er bezeichnet, nicht oder nicht mehr lange.

Ich würde nicht so weit gehen, zur Rettung des Anstands aufzurufen oder auf Anstand zu pochen. Der „Aufstand der Anständigen“, der vor einigen Jahren demonstrativ als politisches Symbol erfunden wurde, erschien mir fragwürdig. Anstand, den man erst proklamieren muss, ist keiner. Und: Ich habe mich stets vor dem Moment gefürchtet, von dem an ich beginne, jungen Menschen ihren Mangel an Anstand vorzuhalten. Ich versuchte also, das sichere Indiz der eigenen Spießigkeit so gut es geht zu vermeiden.

Die neue Rüpelhaftigkeit in der Gesellschaft

Als ein Kollege ein Buch über die neue Rüpelhaftigkeit in der Gesellschaft schrieb, berührte mich seine These nicht nur unangenehm, ich empfand sie auch soziologisch unzureichend. Unbill gegenüber dem Verhalten der anderen hat es immer gegeben. Und natürlich gehört es unbedingt zu den Verkehrsformen der offenen Gesellschaft, mit starr aufrechterhaltenen Konventionen zu brechen. Es ist gut zu wissen, dass man die meisten Türen selbst öffnen muss.

Die neue Ruppigkeit ist kein bloßer Selbstzweck. In der Politik soll sie vielmehr zum Ausdruck bringen, dass ein gesellschaftlicher Wandel bevorsteht. Man hielt die Lockerung der Sitten immer für ein linkes Projekt, heute erfolgen die mutwilligen Regelverletzungen von rechts. Da trauen sich auf einmal welche was, und sie sind angetreten, es den anderen einmal richtig zu zeigen. Mit Anstand kann man denen nicht kommen, ihr Aufstand ist anderer Natur. Sie sind laut und unbeherrscht und sie trachten danach, ihre Unbeherrschtheit als authentischen Ausdruck zu etablieren. Was man eben noch für Takt und gutes Benehmen hielt, ist auf einmal ein Diktat der anderen, die man am liebsten abräumen möchte. Altparteien, Lügenpresse, politische Korrektheit. Merkel muss weg.

Türaufhalten hilft hier nicht weiter und lustige Krawatten besagen nichts. Die Hoffnung, dass sich ihr Mut zur bloßen Frechheit irgendwann verbraucht, ist trügerisch. Die Erwartung, dass ihnen nun alle Türen offen stehen, sollten man ihnen aber verwehren.

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