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Altkanzler Wie Kohl den „Spiegel“ ein letztes Mal narrte

Helmut Kohl schlägt mit seinem Tod dem „Spiegel“ ein letztes Schnippchen, schreibt unser Kolumnist. Eine Sache aber konnte Volker Heise dem ehemaligen Kanzler nie verzeihen.

Ex-Kanzler
Trauerfeier für Helmut Kohl: Er, der Europäer, ließ Deutschland deutscher werden, als er es wahrscheinlich wollte. Foto: dpa

Bevor der Tod von Helmut Kohl in die Gelbe Presse abwandert mit der Frage, ob er Angela Merkel verziehen hat, seine Söhne ihm verzeihen können oder Frau Richter-Kohl allen verzeiht; bevor gefragt wird, wer an der Trauerfeier teilnehmen kann und wer am Begräbnis – und wer nicht; bevor diese Fragen auf die Tagesordnung kommen, würde ich gerne ein paar Punkte festhalten.

Erstens hat Helmut Kohl mit dem Zeitpunkt seines Todes dem von ihm verachteten Magazin „Spiegel“ ein letztes Mal ein Schnippchen geschlagen. Die Titelgeschichte war schon gedruckt und ausgeliefert, bevor eine der Edelfedern von der Wasserkante einen Nachruf schreiben konnte.

Dem verhassten Blatt noch eins mitgegeben

Stattdessen ist einer der egalsten Titel erschienen, den das Magazin je auf dem Cover hatte: „Hauptstadt Hamburg“. Ein Titel, der die Frage stellt, ob er aus den Fingern gesogen ist oder mit Betriebsblindheit erklärt werden kann: Zu oft auf die Philharmonie gestarrt? Zu viel Hafenwasser getrunken? Olaf Scholz für Helmut Schmidt gehalten? Das Heft ist so unwichtig geworden, dass sich auch tote Fische weigern, darin eingepackt zu werden, selbst wenn sie vom Fischmarkt kommen.

Zweitens muss ich an meine Mutter erinnern, eine spät bekehrte Sozialdemokratin aus Niedersachsen, die 1983 die Abwahl Helmut Schmidts und den Übergang zu Helmut Kohl live im Fernsehen verfolgte und zum Taschentuch griff, als Schmidt seine Abschiedsrede hielt. Sie sagte hellseherisch, dass jetzt die Zeit des Aufbruchs vorbei sei. Keine Demokratie mehr wagen, keine Experimente mehr machen. Mindestens zehn Jahre lang nicht, schätzte sie, und verfehlte die Zukunft um sechs Jahre, hatte aber auch die Wende nicht auf der Rechnung.

Drittens habe ich Helmut Kohl einmal in echt gesehen. Am 3. Oktober 1990, von sehr weit weg. Er stand am Brandenburger Tor, ich stand unten, in der Masse, einer von vielen. Mit Freunden hatte ich mich in die Feierlichkeiten zur Einheit geschlichen. Wir waren gegen die Wiedervereinigung, aber aus falschen Gründen, und auf unseren Plakaten standen Parolen wie „Kein 4. Reich!“ oder „Lieber zwei Deutschland als eine Katastrophe“. Wir waren stark in der Minderheit, eigentlich sogar sehr stark, alle anderen Menschen um uns herum wollten feiern.

Sie starrten uns an, wie man Griesgrame eben anstarrt, weder freundlich noch feindlich, und ließen uns einfach stehen. Seitdem weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man auf dem Müllhaufen der Geschichte geworfen wird.

Viertens konnte ich ihm eine Sache nie verzeihen. Als zuerst in Rostock, dann Hoyerswerda Jagd auf Asylbewerber gemacht wurde, stellte er sich nicht auf die Seite des Rechts und verteidigte die Minderheit gegen den Mob mit der Autorität des Kanzlers der Einheit. Stattdessen ließ er auch mit Hilfe der Sozialdemokraten das Grundgesetz ändern und das Asylrecht verschärfen. Als in Mölln und in Solingen Häuser brannten und Menschen starben, fand er kein Wort und keine Geste.

Mölln und Solingen gehören seitdem zur Deutschen Einheit wie der 3. Oktober. Über Jahre hinweg sollte seine CDU immer dann, wenn eine Wahl verloren zu gehen drohte oder eine Wahl zu gewinnen war, zum Ausländer- oder Asylthema greifen. Statt blühender Landschaften gab es beschleunigte Abschiebungen.

Helmut Kohl, der Europäer, ließ Deutschland deutscher werden, als er es wahrscheinlich wollte. Manchmal zerstören die Mittel des Erfolgs die Resultate des Erfolgs. Friede seiner Seele.

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