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Allergien Das schlimmste aller Themen

Erst rote Augen, dann Niesanfälle im stark erhöhten Dezibel-Bereich, schließlich noch Probleme mit dem Atmen. Was das ist? Der Frühling. Die Kolumne.

Birkenblüten
Viele Menschen reagieren auf die Birke allergisch. Foto: dpa

Vor wenigen Tagen saß ich mit einem Freund zusammen. Wir fragten uns, was die Themen der Zeit seien. Schnell kamen wir auf Trump, auf #MeToo, den Neoliberalismus und die Digitalisierung. Am Ende aber lief es auf das schlimmste aller Themen hinaus: auf die Birkenpollen. 

Es fing vor Jahren mit brennenden und tränenden Augen an. Sie wurden so rot, dass man mich entweder für ein verheultes Weichei hielt oder für einen irren Amokläufer auf MDA. Nachdem ich ein paar Jahre auf einem stabilen Rotaugenlevel lebte, ging es eines Tages mit Niesattacken weiter. Sie überfielen mich mitten in der Nacht oder am frühen Morgen und waren von einer Lautstärke, die meine damals kleinen Kinder unter ihre Betten kriechen ließ, weil sie einen Luftangriff befürchteten. 

Schließlich lief nicht nur die Nase andauernd, sondern auch die Atmung bekam Probleme. Ich fuhr mit dem Rad durch ein blühendes Wiesenblumenfeld, das schön anzusehen, aber leider auch pollenverseucht war. Seitdem heißt Frühling für mich nicht Frühling, sondern Allergie, und die Natur ist mein Feind. 

Meine Familie sagte, ich solle endlich zum Arzt gehen. Tage später saß ich in einer Praxis und streckte meinen linken Arm einer Arzthelferin entgegen. Sie sagte, es könne jetzt pieksen, was es auch tat, ungefähr zwölf oder sechzehn Mal, ich kann mich nicht genau erinnern. Da, wo sie gepiekst hatte, sollte ich auf Bläschen achten, meinte sie und ging weg. Fünf Minuten später sah mein linker Arm nach aufgeschäumter Milch aus. Die Arzthelferin klatschte in die Hände und rief freudestrahlend: Sie haben alles! 

Der Arzt ging ins Detail. Birke, sagte er, Hasel, Gräser natürlich, Hausstaub leider auch, Katze ebenfalls, Hunde könne ich vergessen. Im Frühling solle ich entweder ins Gebirge fahren, höher als 1500 Meter, oder auf eine Bohrinsel im Meer, da würde es keine Pollen geben. Dann wünschte er mir alles Gute für meinen weiteren Lebensweg und steckte mir eine Broschüre für Allergiker in die Hand. 

Ich erfuhr, dass ich meine Nächte am besten in einem vollverfliesten Schlafzimmer verbringen solle, das Haupt gebettet auf einem Kopfkissen aus reinem Polyäthylen. Deprimiert schlich ich davon und dachte an das Haus auf dem Land, das wir uns gerade mit all unseren Ersparnissen gekauft hatten, und an die letzten Worte des Arztes: Auf keinen Fall Ferien auf dem Bauernhof! 

Zu Hause versuchte ich mich in Ursachenforschung. Die Allergie fing an, nachdem ich mit dem Rauchen aufgehört hatte. Vielleicht, dachte ich, hat mein Körper die Umstellung von 50 Zigaretten am Tag auf gar keine Zigarette am Tag nicht verkraftet? Kein Teer mehr, der die Innereien imprägniert? Unsinn, sagte der Arzt bei meinem nächsten Besuch. 

Könnten es dann, fuhr ich fort, die Umwelteinflüsse gewesen sein, denen ich als Kind ausgesetzt war? Ich erinnerte mich an die Weser, in der ich meinen Freischwimmer gemacht hatte, kurz bevor sich die Fische dazu entschlossen, aus Protest gegen die Wasserqualität Massenselbstmord zu begehen. Wieder zuckte der Arzt nur mit der Schulter und sah auf seine Uhr, und sein Blick sagte mir: Mit Kassenpatienten diskutiert man nicht. 

Nun schaue ich aus dem Fenster und sehe auf die Wiese hinter dem Haus, die dringend gemäht werden muss. Der Rasentrecker steht so aufgetankt da, wie ich es bin: vollgepumpt mit Augentropfen und Nasenspray, der Inhalator griffbereit. Der Mundschutz ist angelegt, die Schutzbrille sitzt pollendicht vor den Augen. Wenn der Motor anspringt, ist kein Vogel mehr zu hören. Wie schön, wieder in der Natur zu sein. 

Volker Heise ist Filmemacher.

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